Exklusiv-Stories

Lesen Sie als Exklusiv-Dreingabe für diese Website elf vollständige Storys, welche nicht im Buch vorkommen. Für Rennradler lebenswichtige Themen wie Papst, Nazis, Beinrasur oder der liebe Nachwuchs werden hier behandelt. Viel Vergnügen!

  • Wir sind doch Papst

    Daniel erzählt

    Ein paar Wochen war es her, seit ich Paul und John das letzte Mal gesehen hatte. Nach der großen Dolomitenfahrt meinten die Beiden, sie hätten fürs Erste genug vom Radfahren. Lächerlich! Als ob man davon genug bekommen könnte! Manchmal sind die zwei wirklich schwer zu verstehen.
    Umso überraschter war ich von Pauls neuester Idee. In aller Herrgottsfrühe bimmelte das Telefon, das konnte nur Frühaufsteher Paul sein, niemand sonst wagt es, mich Sonntag-morgen vor 5 Uhr anzurufen. In der Hoffnung, dass er mich zu einer Radausfahrt ordentlicher Länge einladen wollte, schob ich meine Bettbekanntschaft der letzten Nacht von mir runter und langte zum Handy. Die Dame beschwerte sich lauthals, doch ich verwies streng auf meine Prioritätenliste, welche deutlich sichtbar über dem Bett hing:
    1. Radfahren
    2. Laufen
    3. Schwimmen
    4. Alle anderen Arten von Sport
    5. Bettbekanntschaften
    Das hatte mir in der Vergangenheit viel Ärger erspart und so schwieg auch… äh… ach ich komme gerade nicht auf ihren Namen.
    „Ja, Paul hier.“, tönte es wie erwartet aus dem Hörer. Entschuldigt für die frühe Störung wurde sich nicht, stattdessen: „Hast Du nächstes Wochenende schon etwas vor?“
    Ich verneinte. Nachdem Paul mir seine Idee vorgetragen hatte, bereute ich jedoch meine vorschnelle Zusage und überlegte, ob ich für einmalige Fälle meine Prioritätenliste umschreiben sollte.
    Eine Woche später saßen wir im Auto und zuckelten über die Autobahnen 7 und 4 nach Erfurt. Bei meinen Ex-Ossis Paul und John kamen Heimatgefühle auf, ich dagegen versuchte mir in Erinnerung zu rufen, dass die DDR schon eine Weile nicht mehr existierte und ich sicher wieder heil zurückkommen würde.
    Wir fuhren nicht allein! Paul hatte einen Aufruf im Internet gestartet und hinter uns schlängelte sich ein ganzer Autokorso gen Thüringen. Da Paul am Steuer saß, hatte ich Zeit, mir die Räder auf und hinter unseren Begleitfahrzeugen genauer anzusehen. Natürlich war mein geliebter Renner das Teuerste, wie ich erleichtert feststellen durfte, andernfalls hätte ein Neukauf in der kommenden Woche angestanden.
    „Ihr wisst, was ihr zu tun habt.“, erklärte uns Paul zum hundersten Mal den Plan. „Wenn Benedikt durch ist, geht’s aufs Rad rund um den Dom!“
    Der Leser versteht sicher nur Bahnhof. So wie ich, als ich noch glücklich in den Armen meiner Bettbekanntschaft lag, das Handy am Ohr und Paule auf der anderen Seite der Leitung zwitscherte. Der Papst, „unser“ Papst, hatte sich für einen Deutschlandbesuch angekündigt. Berlin, Erfurt und Freiburg sollten beglückt werden. Ob die drei damit einverstanden waren, hatte Benedikt sicher weniger interessiert. Paul regte sich am Telefon maßlos darüber auf und ratterte seine Litanei herunter, warum und wieso er kein Freund der Katholiken sei, und was das den armen Steuerzahler, allen voran ihm selbst, kostete. Mich hatte der alte Möchtegernheilige noch nie weiter interessiert und so verstand ich auch nicht so recht, was Paul so in Rage brachte. Bis er irgendetwas von einem „Anti-Papst-Radrennen“ erzählte, na immerhin. Und dass er das organisieren wolle. Und so saß ich nun im Auto und verließ mich auf Pauls wenig vertrauenerweckende Fahrkünste.
    Als wir Erfurt erreichten, wimmelte es in der ganzen Stadt bereits von Menschen. Wir waren also nur ein paar unter vielen, doch in unseren Radklamotten passten wir nicht so recht zum Aufzug der Massen. Auf der einen Seite der durch Gitter abgesperrten Straßen standen die Papst-Fans. Entweder irgendwelche Kids mit Fähnchen, die mich an die Staatsbesuche unter dem alten Erich erinnerten, die ich als Kind gesehen hatte, wenn ich mich beim Zappen im Kanal irrte und bei der „Aktuellen Kamera“ landete. Oder Rentner in Aldi-Anzügen und Röschen-Kleidern, die sich hingebungsvoll und selig lächelnd, als hätten sie an Contadors Rindfleisch geschnuppert, an die Absperrgitter krallten. Dazwischen ein paar schwarze und finster dreinblickende Pius-Brüder, mit denen ich lieber nicht aneinandergeraten wollte, auch wenn die großen Dinger in ihrem Händen, welche ich im ersten Moment für Kalaschnikows hielt, sich nur als Hirtenstäbe erwiesen.
    Auf der anderen Seite standen die Papst-Gegner. Zwischen vielen Normalos, zu denen wir uns gesellten und uns am wohlsten fühlten, gab es auch ein paar Schreihälse, Fussballfans (was oft auf Dasselbe hinausläuft), welche auf ein Match FC Rot-Weiß gegen Arminia Vatikan hofften, und natürlich die obligatorischen Autonomen-Gruppen, die bei Veranstaltungen wie diesen nie fehlen durften und natürlich dagegen (keine Ahnung gegen was!) waren. Vorsichtshalber parkten wir unsere Autos deshalb lieber in einem Parkhaus, um der nächsten Abbrennattacke zu entgehen.
    Der Lärm schwoll an! Ohrenbetäubendes Geschrei, schlimmer als in der Holland-Kurve von Alpe d’Huez, dazwischen Mönchsgesänge vom Domplatz über 10.000-Watt-Beschallungsanlagen und Trillerpfeifen plus Böller der Autonomen verlangte meinem Hörapparat das Äußerste ab. Als ich kurz davor war, meinen Trommelfellen Lebewohl zu sagen, erschien er:
    Benedikt ganz in weiß, so wie Claudia bei der Hochzeit mit Paul vor ein paar Jahren, die er unbedingt durchziehen musste, obwohl ich ihm eindringlich davon abgeraten hatte. So konnte mich auch der Papst nicht täuschen, in jedem Weiß steckt der Teufel, weshalb diese Farbe für mich tabu bleibt. Außer bei meinem sündhaft teuren Renner, dort darf der Teufel gern mithelfen, besonders an den Steilstücken über 10 Prozent.
    Auch wenn mir der ganze Papstkult so wichtig ist wie Punkt 739 auf der Prioritätenliste, musste ich doch zugeben, dass mich sein Papamobil beeindruckte. So ein Ding müssten wir auch haben! Wäre das ideale Begleitfahrzeug auf einer Radetappe. Besonders in Italien! Jeder könnte die Räder sehen und neidisch werden, was ich für tolle Renner besitze, aber dank Panzerglas wäre ein Diebstahlversuch schon im Ansatz er-stickt. Perfekt! Ich überlegte, ob ich den guten Benedikt mal anschreiben sollte, ob er mir das Mobil für eine Woche ausborgen könnte.
    Paul riss mich aus meinen Phantastereien.
    „Hey, Daniel, träum hier nicht rum, der Papst ist durch, gleich geht’s los!“
    Da ich spätestens nach Pauls dritten Satz am Telefon nicht mehr zugehört, sondern mich lieber den Brüsten meiner Bettbekanntschaft gewidmet hatte, wusste ich leider nicht, was losgehen würde. Doch brav trabte ich hinter John, Paul und der ganzen Radtruppe her. Wir klackerten mit unseren Radschuhen in Richtung Dom und plötzlich strömten aus allen Ecken Radler in Rennkluft. Wie auf ein geheimes Kommando zogen sie sich ihre Jacken aus. Darunter trugen sie eine Art Bergtrikot, weiß mit roten Punkten. Erst als ich nähertrat, erkannte ich, dass es sich nicht um Punkte, sondern Blutstropfen handelte. Und auf dem Rücken prangte in fetten, schwarzen Lettern unter einem traurigen Kindergesicht und einem Kreuz:
    „Es ist genug Blut geflossen!“
    Paul verteilte an uns dieselben Trikots, die zum Glück Nummern trugen, sonst hätte man uns überhaupt nicht mehr auseinanderhalten können. Als er mir meines übergab, zischte er ungehalten:
    „Bekomme von Dir noch 50 Euronen!“
    Ah, Antrittsgeld, musste Paul mir wohl erzählt haben, als ich während des Telefonates von meiner Bettbekanntschaft wissen wollte, ob sie lieber schwarze oder rote Unterwäsche trägt. Ich stellte daher keine Fragen, drückte ihm den Fuffi in die ausgestreckte Hand und zog das Trikot über. Passte wie angegossen, und ich schob meinen Renner zur Startlinie. Benedikt war hier gerade durch und die Absperrgitter sorgten nun für eine klasse Rennstrecke mitten durch die Erfurter Innenstadt. Als ich jedoch sah, dass die Pius-Brüder mordlüstern begannen, über die Gitter zu klettern, da sie das Rennen sicher als gotteslästerliche Veranstaltung einstuften, bat ich Paul etwas panisch, das Rennen sofort zu starten.
    Und so kamen wir zu der einmaligen Gelegenheit, an einem Rennen rund um den Erfurter Dom teilzunehmen. Von der linken Seite, welche sich über die Abwechslung sichtlich freute, wurden wir bejubelt. Selbst die Autonomen waren ausnahmsweise nicht dagegen, nur als ich an ihnen vorbeihechelte hatte ich das ungute Gefühl, dass sie trotz Radunkenntnis den mercedesähnlichen Wert meines Rennrades erkannten und gerade diskutierten, ob solch ein Gefährt denn auch gut brennen würde.
    Von der anderen Seite wurden wir erwartungsgemäß ausgebuht, von der ersten bis zur letzten Runde. Die Rentner behielten dabei ihr seliges Lächeln ähnlich Volksmusiksängern, so dass ich vermutete, dass die Schönheitschirurgen inzwischen auch bei den Katholiken gutes Geld verdienten. Mehr Schwierigkeiten bereiteten uns die Pius-Brüder. Immerhin wagten sie es nicht, die Strecke zu betreten, eine Horde von fünfhundert von der Kette gelassenen Rennradlern zu begegnen war ihnen zu heikel. Anfangs versuchten sie es mit Plakaten („Jan Ullrich – Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“), Selbstkasteiung oder sich umdrehen, um eine lateinischen Messe zu zelebrieren. Es kam noch fieser: Reißzwecken auf der Straße! Zum Glück hatte Paul das vorhergesehen und auch einen Trupp Kanadier von der letzten Curlingweltmeisterschaft engagiert, welche die kleinen Reifentöter rechtzeitig vor dem Hauptfeld von der Strecke fegten. In den letzten Runden fiel den Pius-Brüdern nicht mehr viel ein außer wie wild um etwas Goldenes zu tanzen, sollte das etwa ein Kalb sein? Beim näheren Hinsehen entpuppte es sich als eine Benedikt-Büste, die für ihre Tanzerei herhalten musste und sich wahrscheinlich entsetzlich dafür schämte.
    Es gewannen zwei katholische Priester aus Sachsen… ich wurde dahinter Dritter. Auf dem Siegerpodest erzählten sie mir, dass ihre Kraft in den Beinen von Gott und nicht vom Papst kam. Ich überlegte, ob ich statt des Maestros Wundermittel zu schlucken nicht lieber in die katholische Kirche eintreten sollte. Das Geld, welches man für solch einen Schritt brauchte, hatte ich ja. Als ich jedoch Paul fragte, wo die Gewinne für die Erstplatzierten ausgezahlt werden, holte ich mir einen bösen Rüffel. ‚Ich begreife wohl überhaupt nichts!‘ meinte er mürrisch und ließ mich stehen, um dem Sieger zu gratulieren. Doch dazu kam er nicht!
    Eine Horde Mittelalterfreunde in merkwürdigen gelb-rot-blauen Trachten und schwarzen, schrägaufgesetzten Kappen auf den Köpfen, umringten Paul mit grimmigen Gesichtern.
    „Mitkommen!“ rief einer der Typen streng und Paul zog es vor, auf eine Diskussion zu verzichten. Wir sahen dem Trupp fassungslos hinterher, ich blickte mich zu den Anderen um, doch keiner wagte es, einzuschreiten. Was sollten wir tun? Besser gar nichts, Paul konnte schon auf sich selbst aufpassen, redete ich mir ein. Und wie richtig ich damit lag! Für das Folgende kann ich zwar den Wahrheitsgehalt nicht garantieren, da ich schließlich nicht dabei war, aber wollen wir, da wir uns hier auf einem Kirchenfest befanden, dem Paul glauben.
    Paul wurde von der Schweizer Garde, so hießen die Typen, wie ich später aufgeklärt wurde, in den Dom geführt. Sie schoben ihn durch irgendeinen Nebeneingang fernab vom Besucherstrom. Einem langen Gang folgte eine schwere Eichentür, welche in ein kleines Zimmer führte. Und dort wurde Paul erwartet von:
    Benedikt höchstpersönlich! Und allein!
    Die Garde verneigte sich, trat aus dem Zimmer und schloss hinter sich die Tür. Paul stand der Mund offen! Was würde ihn jetzt erwarten, eine Eintrittskarte direkt ins Fegefeuer?
    Der Papst schaute eine Weile streng und Pauls Knie zitterten. Teils vor Angst, teils aber auch aus Kraftlosigkeit, immerhin hatte er im Rennen alles gegeben und war Dreihundertvierundneunzigster geworden.
    „Das, was Sie da draußen veranstaltet haben, werter Ungläubiger, ist Papstlästerung!“, donnerte Benedikt ihn an. Paul wagte keine Regung. „Sie wissen sicherlich, was für eine Strafe auf solch eine Tat folgt?“
    Paul schüttelte den Kopf, in welchem wilde Erinnerungen aus diversen Filmen und Büchern über Inquisition und Hexenverbrennungen durcheinanderschossen und Pauls Beine in Wackelpudding verwandelten.
    Plötzlich sah sich Benedikt nach allen Seiten um, dann entspannten sich seine Gesichtszüge und er lächelte.
    „Setzen Sie sich doch bitte.“, sagte er freundlich. „Soll ich Ihnen etwas sagen? Ich habe mich heute amüsiert wie lange nicht mehr! Darf ich Paul zu Ihnen sagen? Ich bin der Benedikt.“
    Pauls Klappe blieb filmreif offen. In diesem Zustand war an eine Antwort natürlich nicht zu denken. Was wurde hier gespielt?
    Auch wenn ich es bis heute nicht glauben kann, Paul entkam dem Erfurter Dom lebend. Und erzählte uns, dass der Benedikt in Wahrheit ein ganz netter Kerl sei, der den Papst-Job nur angenommen hatte, weil er Kohle brauchte und man als Papst ganz leidlich verdiente. Er hatte früher nebenberuflich einen Radladen in Marktl am Inn geführt und war pleite gegangen, weil er für die katholische Kirche ständig Überstunden schieben musste, um einige Skandale zu vertuschen. Seine Gläubiger, unter anderem ein paar Bischöfe, hatten schließlich keine Geduld mehr aufbringen und ihn öffentlich anzeigen wollen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als das Konklave von sich zu überzeugen und gewählt zu werden. Doch bereute er es sehr, denn im Vatikan wurde kein Eurosport übertragen und so hatte Rad-Fan Benedikt seit seiner Wahl nicht eine einzige Tour-de-France-Etappe mehr sehen können. Da sei ihm das heutige Rennen fast wie eine Rückkehr in selige Jan-Ullrich-Zeiten vorgekommen und er dankte Paul für dieses einmalige Erlebnis.
    Und das Beste des Tages: Ich begriff endlich, wofür ich dem Paul fünfzig Euro zahlen sollte. Es handelte sich um ein viel zu hohes Startgeld für ein rot-weißes Trikot und ein paar Runden um den Erfurter Dom aus gutem Grunde: Den Gewinn spendete Paul den Opfern des sexuellen Missbrauchs der katholischen Pädophilen-Priesterbande. Und Benedikt hatte den Betrag aus der eigenen Schatulle noch einmal verdoppelt unter der Bedingung, dass Paul das nicht verraten möge, weil er sonst seinen Job verlieren würde.
    „Zum Abschied“, verriet uns Paul mit einem breiten Grinsen im Gesicht, „hat Benedikt mich noch gefragt, ob ich auch im Vatikan mal so ein Radrennen ausrichten könnte. Schließlich werde er so langsam alt und das Reisen fällt schwer.“
    Wie ich Paul kenne, ist er gerade jetzt, wo ich das Erlebte niederschreibe, schon am Petersdom, um die Strecke auszumessen. Wir werden sicherlich auch von dort berichten.

  • Nackte Nazis

    John erzählt

    Zu Beginn der trüben Jahreszeit meldete sich der Maestro mit einer genialen Idee:
    „Hey John“, brüllte er zwischen Apples gratis integriertem IPhone-Rauschen und anderer, merkwürdiger Geräusche, die nach irgendwelchen Maschinen klangen. Wahrscheinlich kontrollierte er gerade die Bänder seiner Aufputschmittelfabrik. „Unsere Harztage sind lange her, wie wärs mit einer Ausfahrt dorthin? Auf Crossrädern! Von mir gestellt!“
    Eine kostenlose Ausfahrt? Ich sagte sofort zu, auch für meine beiden Kumpels, egal ob sie Zeit hatten oder nicht. Daniel würde es schon einrichten können, bei Paul bestanden gewisse Zweifel. Unser Paule trug die Nase in diesen Tagen etwas höher, und gleich darüber schwebte ein imaginärer Heiligenschein. Schließlich tauschte er seit den Erfurter Tagen (siehe Kapitel 19 „Wir sind doch Papst“) eifrig Briefe mit Benedikt aus, ein wahrhaft reger Verkehr, sofern man im Zusammenhang mit dem göttlichen Papst dieses Wort straffrei verwenden darf. Pauls Postbote hatte sich bereits bitter beschwert und Gefahren- sowie Überstundenzulage verlangt. Man hätte auch mailen können, doch ist diese neumodische Methode neulich beim greisigen Bischofstreff im Vatikan als Teufelszeug verboten worden.
    Ich bekam dennoch Pauls Segen für die Ausfahrt, und so fuhren wir an einem sonnig-kalten Sonntagmorgen in aller noch nebliger Frühe in des Maestros vierrädrigem Kampfschiff gen Harz. Ziel der Runde sollte ein Örtchen namens Wippra werden. Kein Mensch hatte je davon gehört, doch der Maestro schwärmte uns vor, dass er hier einmal die erholsamsten Tage seines Lebens verbracht hatte und er die Gegend unbedingt wiedersehen wollte. Ich vermutete hinter diesen inhaltsleeren Worthülsen eher eine Liebesaffäre mit einer der örtlichen Schönheiten. Und nun trieb ihn in Wahrheit die Neugier, ob die im früheren Jahrhundert verführte Dame noch immer existierte und sich im besten Falle an ihn erinnerte. Leider sollte ich nie erfahren, ob meine Vermutungen zutrafen, denn die Ereignisse des Tages warfen des Maestros Pläne rücksichtslos über den Haufen.
    Er parkte seinen Wagen in einem Ort namens Ballenstedt und ließ uns ein paar Minuten Zeit, damit wir uns mit den perfekt auf unsere nonidealen Körpermasse eingestellten Crossrädern anfreunden konnten. Ich hatte noch nie auf so einem Ding gesessen, Paul erging es genauso, nur Daniel meinte, in seinem zweirädrigen Fuhrpark auch schon einmal ein Crossrad gesehen, es aber noch nie benutzt zu haben.
    Der Maestro hatte eine großartige Strecke herausgesucht mit allen denkbaren Untergründen: Asphalt, Waldweg, Schotter, Matsch, Wiese. Wir stoppten bei der mittelalterlichen Burg Falkenstein für eine Frühstückspause, gönnten uns ein Eis in der Altstadt von Harzgerode und fuhren dann in Richtung Wippra-Talsperre. So viele Pausen gab es beim Maestro sonst höchstens in einer Woche, meine „Maestros-Ex-Sehnsuchts-Vermutung“ schien ein Volltreffer zu sein.
    An einem Wanderparkplatz bogen wir von der Straße auf einen breiten Waldweg ab. Paul war der erste, der das gewisse Schild entdeckte und dies sogleich mit einem spitzen Schrei kundtat. Erschrocken blickten wir zu ihm hin und sahen ihn mit offenen Mund davor stehen.
    „Da, da, da…“ stammelte er wie Stephan Remmler in seinen besten Tagen und deutete mit dem Finger auf das Schild. Uns blieb nichts anderes übrig als die 17 Meter, welche wir uns bereits vor Paul befanden, wieder zurückzufahren. Eine gewaltige Strecke, die ich mir gern erspart hätte, doch Paul schien außerstande, die Buchstaben zu sinnvollen Worten zusammenzufügen.
    „Nacktwanderweg!“, las ich, als ich neben Paul hielt und einen Blick auf das Schild warf.
    „Nacktwanderweg?“, fragte Daniel, der kurz nach mir eintraf, was ich eigentlich in meinem Heldentagebuch unter der Rubrik „Absolute Seltenheit“ hätte eintragen müssen.
    „Ja, steht hier“, antwortet ich grinsend und betrachtete die eindeutigen Zeichnungen unter diesem Titel. Daniel las den Text darunter und gab sein neues Wissen sogleich preis: Wir befanden uns hier anscheinend auf Deutschlands ersten und einzigen Wanderweg für FKK-Liebhaber*. Ich fragte mich, ob wir uns hierfür unpassend gekleidet hatten, doch Daniel erklärte sogleich besserwisserisch, dass wir ja erstens nicht wandern sondern crossen und hier zweitens stünde, dass der Nacktwanderweg selbstverständlich auch mit Textilien betreten werden darf, nur sollte man diejenigen respektieren, welche den Weg „ganz ohne“ beschreiten würden. Schließlich sei der Weg für eben diese eingerichtet.
    Paul empörte sich fürchterlich, er schimpfte wie ein Rohrspatz über die zunehmende „Vernacktung“ Deutschlands und wo das noch alles enden soll. Daniel zuckte nur mit den Schultern und fragte lieber, ob es nicht besser wäre, wenn man zur Abwechslung die Laufschuhe rausholen und den Weg als Laufstrecke nutzen würde. So ganz ohne Klamotten wäre vielleicht eine Top-Zeit möglich. Schließlich reichte es dem Maestro und bat Daniel höflich, er solle einfach mal die Fresse halten. Die Ausfahrt sei kein Rennen, sondern als reinste Entspannung und Freude gedacht. So einen bedeutungsvollen Satz aus dem Mund des Maestros! Paul bedauerte, keinen Notar als Zeugen eingesteckt zu haben.
    Ich dagegen erinnerte mich an meine Kindheitstage am Rügener FKK-Strand, an welchen meine Eltern mich so gern schleppten und ich dem Irrglauben verfiel, dass die Menschheit ausschließlich aus nackten Wesen jenseits der Fünfzig bestehen musste, bei denen die Schwerkraft deutliche Zeichen hinterlassen hatte. In dieser Zeit starb auch mein Schamgefühl, so dass ich als Einziger kein Problem damit gehabt hätte, wenn der Maestro „Ausziehen“ brüllen würde. Er brüllte wirklich, doch nicht „Ausziehen“, sondern „Weiter gehts“. Wir gehorchten und klackten in unsere Pedale.
    Unterwegs begegneten wir zu unserem Bedauern (oder Erleichterung, wenn man aus Pauls eingeschränkter Sicht berichten würde) niemandem. Kurz bevor wir den Nacktwanderweg verließen, entdeckten wir einen neu eingerichteten Rastplatz mit mehreren Tischen und Bänken inklusive fantastischem Rundblick. Wir beschlossen, hier eine Nachmittagspause einzulegen und bissen in die Brote des Maestros, natürlich erst, nachdem er einen Schwur abgelegt hatte, dass sie dopingfrei wären. Nur Paul blubberte, dass er sich nicht auf eine Bank setze, auf der sich vorher hunderte nackte Ärsche platziert hätten. Spätestens beim dritten Biss ins wunderbar duftende Maestro-Brot siegte sein Futterneid und auch Paule saß.
    Plötzlich hörten wir Stimmen.
    „Und?“ meinte eine davon sächselnd. „Wo sind n nü de Nackten?“
    „Hör uff.“, meinte die nächste. „Eenfach ma de Gusche halten.“
    „Doitschland den Doitschen!“, brüllte die dritte.
    Dann sahen wir sie! Drei Glatzköpfe in entsprechender Kluft und im Gepäck zwei deutsche Doggen, deren Zahnreihen uns zur Begrüßung humorvoll anfletschten. Daniel zuckte reflexartig zurück, was die Glatzen freute und im Chor brüllten sie:
    „Doitschland den doitschen Hunden!“
    Mein Basiswissen Biologie erzählte mir, dass deutsche Doggen eigentlich aus England stammten, aber ich bat es, in diesem Moment doch lieber zu schweigen. Erst jetzt bemerkten wir, dass alle drei der ehrenwerten Herren ein T-Shirt mit der Aufschrift „Deutsche Hunde statt Türkenbälge – Der Verein“ trugen.
    ‚Und das auf dem Nacktwanderweg‘, empörte sich Daniel flüsternd, als ob das unsere größte Sorge wäre. Sie lümmelten sich auf eine der Bänke, während ihre Hunde gierige Blicke auf uns warfen. Wir versuchten, sie nicht zu beachten und unser Mittagsmahl schnell zu beenden, als wir erneut Stimmen vernahmen:
    „… wenn die NPD die Wahl gewinnt, dann kommt da Ordnung rein…“ hörten wir durch die Bäume.
    „Oh“, meinte darauf Glatze eins. „Brüder!“
    „Nu kloar, do dürfteste Recht hoben.“, hörten wir eine zweite Stimme.
    „Oh“, rief Glatze zwei begeistert aus. „sächsische Brüder!“
    „Aber genug davon. Lass uns den Weg genießen. Und vor allem: Ich freue mich schon auf einen kuschligen Abend, mein Lieber!“ hörten wir die erste Stimme säuseln.
    „Oh“, rief Daniel, ehe ich ihn stoppen konnte. „schwule sächsische Brüder!“
    Er lachte schallend, während die Glatzen ihm wütende Blicke zuwarfen. Ein Carbonrad für ein Foto der drei in dem Moment, als die zu den Stimmen gehörenden Wanderer um die Ecke bogen:
    Zwei Nackte, natürlich, was uns alle hier an diesem Ort aber weniger schockte als das, was Glatze Nummer drei sofort in seiner einzigartigen Weisheit feststellte:
    „Du, Pedor, des sind Türken!“
    Die beiden Nackten waren mit nichts bekleidet als Rucksack und Wanderstab, der eine trug in der Hand einen Werbezettel der NPD, von welchem er wohl vorgelesen hatte. Sie stockten kurz, fassten sich aber schnell und beschlossen, hier lieber keine Döner auszupacken, sondern lieber das Weite zu suchen.
    Doch die Glatzen versperrten ihnen schon den Weg.
    „Ihr wagt es, auf einem doitschen Weg zu wandern?“ hörten wir Glatze Nummer eins ein wichtiges Argument vortragen.
    „Und unsere Pause zu stören!“, meinte Glatze Nummer 2 und hob wissend den Zeigefinger.
    Leider fiel Glatze Nummer 3 kein weiterer Punkt ein, weshalb er lieber seinen Schlagstock hob und die beiden Türken höflich bat, sich auf die Bank zu setzen.
    Glatze eins stellte sich nun die Frage, was man nun tun sollte, Glatze zwei kratzte sich unschlüssig am Kopf und Glatze drei fragte, ob denn niemand die Vereinssatzung Paragraf 3 „Treffen auf Türken“ gelesen hätte, da stände doch alles drin.
    „In Ziffer 3 steht, dass man die Türken zum deutschen Duell auffordern soll.“, meinte plötzlich der Maestro in freundlichem Ton.
    Alle, Daniel, Paul und mich eingeschlossen, drehten sich überrascht zum Maestro um.
    „Nun, euer Verein ist doch weltberühmt, ich hab die Satzung auswendig gelernt.“, hörten wir den Maestro schwafeln und Glatze zwei und drei nickten erfreut, nur Glatze eins schien noch nicht ganz überzeugt.
    „Wos meinst du genau mit doitschem Duell, he?“, fragte er misstrauisch.
    „Na die drei vereinsdeutschen Prüfungen.“, erklärte der Maestro geduldig. „Deutsche Geschichte Mitte zwanzigstes Jahrhundert, Kampfsport und Hundetraining.“
    Wir starrten ihn an. Was faselte der verrückte alte Mann da? War dies der Moment, an welchem die Nebenwirkungen seiner Dopingselbstversuche die Macht übernahmen? Der Maestro trat auf die Glatzen zu und ignorierte das wenig friedliche Knurren der Doggen.
    „Na los, Jungs, oder wollt ihr kneifen?“ fragte er mit unschuldigem Gesicht und fügte ungläubig hinzu: „Vor Türken?“
    Das war das Stichwort, auch für Glatze eins, sie traten in Reihe an, standen stramm und erklärten, dass sie bereit wären. Der Maestro salutierte, dann lief er zu den beiden Türken, gab ihnen die Hand und erfuhr, dass sie sich Namid und Parviz nannten.
    „Die Bedingungen lauten wie folgt:“, sprach der Maestro in gewichtigem Ton und tat so, als müsste er kurz in seiner Erinnerung kramen. „Zuerst die Fragen zur Geschichte, wer zuerst drei richtig hat gewinnt. Dann ein Straßenkampf, einer von euch gegen einen von denen da. Und zum Schluss Hundetraining, einer von euren Hunden muss selbst sein Herrchen wählen. Einverstanden?“
    Die Türken nickten ohne Widerworte und die Glatzen beeilten sich, ebenfalls zuzustimmen. Nur im Hirn von Glatze drei schien sich ein kurzer Geistesblitz verirrt zu haben:
    „Und was passiert am Ende?“
    „Gute Frage!“, lobte der Maestro und Glatze drei blickte stolz auf seine Kameraden. „Wenn ihr gewinnt, werden die beiden Homotürken hier freiwillig das Land verlassen – für immer!“
    Die Glatzen johlten für Freude und klatschten sich begeistert ab.
    „Wenn ihr verliert, was ich ehrlich gesagt nicht glaube, dann müsst ihr einmal den Nacktwanderweg entlanglaufen, natürlich ohne Kluft.“
    Die Begeisterung erstarb kurz, doch man zeigte sich erleichtert über die vergleichsweise milde Strafe.
    „Und“, fügte der Maestro hinzu. „Eure Hunde hätten neue Besitzer.“
    Er deutete auf Namid und Parviz. Die Glatzen schauten wenig begeistert, aber als der Maestro verächtlich meinte, dass in diesen Disziplinen doch wohl kaum ein Türke, dazu schwul und obendrein noch nackt, gegen echte Doitsche gewinnen könnte, schien die Euphorie grenzenlos.
    Ich mache es kurz: Die Glatzen verloren alle drei Aufgaben haushoch! Der Maestro stellte ein paar Fragen über den alten Adolf, während die Glatzen noch berieten sächselte Parviz die Antworten und wurde von Namid mit einem Kuss belohnt. Weniger sanft ging Namid dann mit Glatze Nummer 2 im Straßenkampf um, ein kurzer Schulterwurf und eine Schwitzkasteneinlage überzeugte den wahren Doitschen, dass so eine Wanderung ganz ohne durchaus ihre Reize hatte.
    Aufgabe Nummer drei fiel aus, nicht nur weil das Duell nach zwei Siegen bereits entschieden war, sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass die beiden Doggen während des Duells brav bei Parviz saßen, freudig jaulten und sich begeistert von ihm streicheln ließen.
    „Eure Klamotten lasst ihr einfach auf den Bänken, wir passen auf sie auf!“, meinte der Maestro noch, als die drei Glatzen sich im „Wie-sie-Gott-schuf“ – Dress auf den Weg machten.
    „Du willst hier so lange sitzenbleiben?“ fragte Paul erstaunt.
    „Erzähl keinen Unsinn.“, meinte der Maestro. „Wir hauen hier gleich ab, aber erstmal will ich zwei alte Freunde begrüßen.“
    Und er ging auf Namid und Parviz zu, welche ihn freudig umarmten und auf die Schultern klopften.
    „Selten so einen Spaß gehabt, Maestro!“, grinste Namid
    „Ihr kennt euch?“ rief Daniel und uns dämmerte, was hier gespielt worden war.
    „Na klar“, meinte Parviz lachend. „Der Maestro hat bei uns in der Uni mal einen Vortrag gehalten zum Thema ‚Doping im Kampfsport!’“
    „Darf ich vorstellen!“, meinte der Maestro „Das ist Namid, mehrfacher Landesmeister in allen möglichen Kampfsportarten. Und das hier Parviz, der sein Geld mit ein paar Hundeschulen verdient. Beide sind übrigens kein Türken, sondern Iraner und haben ihren Doktor in Germanistik, bevorzugtes Fachgebiet zwanzigstes Jahrhundert. Und nächstes Jahr wollen sie heiraten.“
    Wir drei müssen ausgesehen haben wie Fische auf Landgang, wir schnappten nach Luft und brauchten eine Weile, ehe wir die Fassung wiederfanden. Die beiden luden uns noch auf köstliche iranische Bamieh* ein, die sie aus ihren Wanderrucksäcken holten, und obwohl wir längst satt waren, griffen wir neugierig zu. Erst Stunden später trennten wir uns und fuhren weiter in Richtung Wippra. Was aus unseren drei Glatzen geworden ist, erfuhren wir nie.
    Und: Dies war die erste Ausfahrt mit dem Maestro, bei welcher unsere Waage am Abend mehr anzeigte als morgens. Ich bin mir sicher, dass wir so etwas nie wieder erleben werden.

    *Das ist kein Paulscher Witz, den Weg gibt es dort wirklich! Man möge bei Interesse googeln…

  • Rennrad-Weihnacht

    Paul erzählt

    Weihnachten ist auch für „rennradverseuchte, halbmenschliche Wesen“, wie Claudia uns manchmal liebevoll bezeichnet, die schönste Zeit des Jahres. Dabei gibt es drei Varianten, wie der gemeine Rennradler sie verbringen kann. Zu unserem Glück entsprechen die Ehrenmitglieder unseres Trios jeweils einer davon, so dass es hier zu keinerlei Eifersüchteleien kommen kann.
    Recht langweilig und am wenigsten überraschend ist Typ A: Der Durchtrainierer. Für ihn hat der Weihnachtsmarkt nur eine Geschicklichkeitsübungs-Funktion: ‚Versuche am Sonntag-Nachmittag mit dem Rennrad schneller über den Markt zu fahren als beim Steilstück am Angrilu!‘
    Daniel hat es schon dreimal versucht. Er war zwar nie am Angrilu, aber seinem Gesicht nach zu urteilen ist er bislang am Trainingsgradmesser Weihnachtsmarkt kläglich gescheitert. Deshalb freut er sich besonders auf Heiligabend, denn wie er stets betont ist dies der beste Zeitpunkt für ideales Training, da keine Sau draußen unterwegs sei und er endlich einmal freie Bahn hätte.
    Als schlimme Steigerung gibt es Typ B: Der Familienmensch. John fällt regelmäßig auf diesen ganzen Weihnachtsrummel rein und faselt von Entspannung im Kreise seiner Liebsten inklusive Abfallen des ganzen Jahresstresses. Dass er dabei ausgenutzt wird wie ein Mühlenesel scheint er nicht im Ansatz zu bemerken: John verbringt ganze Urlaubstage mit Frau und schreienden Rangen in Kaufhäusern, statt sie für die nächste Rennradwoche in den Alpen aufzusparen. Er besorgt Weihnachtsbäume für die Nachbarn, damit auch dort Friede herrscht. Dass dies die nachbarschaftlich-kriselnde Ehe kurz vor der Scheidung auch nicht rettet ignoriert John geflissentlich. Auch das Singen bei Kerzen hat nicht so ganz geklappt, wie er es sich vorgestellt hat, denn gesungen haben zwar alle, aber keine Weihnachtslieder sondern die berühmte Arie vom Haus, welches mal wieder umdekoriert werden müsste, dazu aber John endlich mal mit der Renovierung in die Hufe kommen sollte.
    Gruselnd wende ich mich ab und bin froh, zu der gar nicht mal so kleinen Rennfahrergruppe „Typ C“ zu gehören: Wir werden jedes Jahr um diese Zeit krank! Das ist die beste Alternative: Perfekte Ausrede sich vorm Training zu drücken, denn krank akzeptiert jeder (außer vielleicht Daniel, aber den sehe ich sowieso kaum). Dazu bezahlter Urlaub, vorausgesetzt man übertreibt nicht und lässt die Krankheitszeit über sechs Wochen anwachsen. Dann ist aber die besinnliche Weihnachtszeit sowieso vorbei. Sportlich geht es natürlich trotzdem zu, ARD und ZDF übertragen täglich von 9 bis 18 Uhr Wintersport, ich habe endlich Gelegenheit, ausgiebig Frauenskispringen und Rodeln zu schauen, vielleicht kann ich daraus Taktiken für den nächsten Angriff am Stilfser Joch ziehen. Blöd ist nur die dauernde Unterbrechung, wenn die Nase geputzt und vor allem der Taschentuchhaufen zum Müllcontainer nach unten getragen werden müssen. Ich hatte hier auf Unterstützung von Claudia gehofft, doch die nutzt meine Krankheit nur für sich und trifft sich jeden Abend mit Klara, was mir andererseits nicht unlieb ist, habe ich doch so meine Ruhe.
    Dieses Jahr jedoch erlebten wir noch den Typ D, und von diesem soll hier nun berichtet werden:
    Daniels Snob-Radhändler Harald hatte neulich seinen Porsche zu Klump gefahren. Den Streit mit der Versicherung verlor er sang- und klanglos, und so bekniete er Daniel händeringend, dass zu Weihnachten unbedingt ein neues, völlig überteuertes Design-Rennrad den Besitzer wechseln müsste. Ohne diesen Deal müsste Harald ein paar Tage ohne Porsche und das könnte Daniel doch nicht wollen, schließlich gab es schon genug Harz-IV-Empfänger in der Stadt. Doch Daniel tat ihm diesesmal den Gefallen nicht, denn mit dem Designerrad Sonntagnachmittag über den Weihnachtsmarkt wäre selbst ihm zu teuer, für all die Tritte und Stöße nähme er dann doch lieber das kaum günstigere Vorjahresmodell. Haralds Verzweiflung überstieg jegliche Grenzen, denn als nächstes fragte er ausgerechnet Hugo um Rat. Hugo fuhr zwar eine alte Gurke, besaß aber bekanntlich den Hang zum Außergewöhnlichen, so dass es durchaus möglich war, dass Harald ihm zu seinem 500-EUR-Rad ein paar vergoldete Kabel für das Doppelte aufschwatzte. Hugo enttäuschte Harald jedoch, er hätte schon alles und seine neue Eroberung sei eine Öko-Tante mit zwar schauerlichen Ansichten und „Krieg-dem-Kommerz-Reden“, aber sehr freizügigen Vorteilen, weshalb er über Ersteres gern hinwegsah und nebenbei eine ganze Menge Kohle sparte. Nur neulich, als sie während des großen Schneesturms eine Solaranlage auf sein Dach montieren ließ und sie danach zwei Wochen nur Kerzenschein genossen, überlegte er kurz, ob eine Trennung doch in Betracht zu ziehen sei.
    Hugo hob wissend den Finger und meinte, vielleicht läge die Lösung darin, dass Harald neben Daniel und Hugo vielleicht auch noch einen dritten oder vierten Kunden gebrauchen könnte, damit Zeiten wie diese überbrückt würden.
    „Waaas? Ich soll Paul in meinen Laden lassen? Damit der für sein Internetrad neue Ersatzschläuche für 6,99 EUR kauft? Oder gar John, der nach einem Rabatt fragt, wenn er zwei Schläuche nimmt? Weißt Du denn überhaupt, was so ein Porsche kostet, verdammt???“
    Harald haute mit der Faust auf den Tisch, doch Hugo antwortete ungerührt:
    „Erzähl keinen Quatsch. Du brauchst keine Pauls oder Johns, sondern Daniels und Hugos!“
    Harald horchte auf.
    „Es gibt auf der Welt 7 Mrd. Menschen! Da wird doch die Chance nicht allzu klein sein, noch ein paar weitere reiche Schnösel aufzutreiben. Wir müssen sie nur dazu bringen, dass sie bei Dir einkaufen!“
    „Ja natürlich!“, Harald konnte es kaum fassen, was er nun sagte: „Du hast Recht, Hugo, das ist es!“
    Doch plötzlich verschwand sein Lächeln und er sah Hugo hilflos an:
    „Und wie machen wir das?“
    „Du bist mir ein sensationeller Verkäufer, Harald!“, meinte Hugo kopfschüttelnd. „Wie wärs mit einer Werbeaktion? Und zwar ausschließlich für diese Klientel!“
    „Werbeaktion.“, antwortete Harald zweifelnd. „Da kommen dann irgendwelche Werbefritzen in meinen Laden…“
    „Quatsch“, unterbrach ihn Hugo. „Ich mach das für Dich. Und Du wirst auch im Laden auftauchen und nicht wie sonst erst abends kurz vor Feierabend.“
    Spätestens hier hätte es Harald böse dämmern müssen, doch er kannte Hugo nur als Geldpumpe, welche er ab und zu bediente. Von seinen vielen weiteren „Vorteilen“, welche wir leidvoll erfahren hatten, wusste er nichts. Noch nicht…
    Nächsten Samstag fuhr Harald mit dem geliehenen Ersatzporsche schon 3 Stunden nach Öffnung zu seinem Laden: Neuer Rekord dank dem Wecker, den er zum ersten Mal in seinem Leben gestellt hatte! Oder vielmehr seiner Unkenntnis, wie man dem Ding sagte, dass er nun genug gebimmelt hatte. Nach dem entrüsteten Sturmklingeln aller Nachbarn, welche mitgeweckt worden waren, hatte Harald beschlossen, dass er wohl um das Aufstehen nicht herum kommen würde.
    Als sein Porsche in die Straße einbog, an deren Anfang sich sein Geschäft befand, traute er seinen Augen nicht! Der ganze Vorplatz war zugeparkt mit allen möglichen Scblitten. Zwar gab es auch ein paar Opels und den einen oder anderen Koreaner, aber Haralds hüpfendes Herz verriet, dass ein Teil der Automarken gefiel. Er parkte seinen Porsche mangels Alternative in einer Seitenstraße und folgte dem Geschrei, welches bis hierhin deutlich zu hören war. Gespannt bog er um die Ecke und erblickte ein riesiges Banner, welches über dem Ladeneingang gespannt worden war. Noch konnte er den Schriftzug nicht erkennen, doch stieg soeben ein Porschebesitzer aus seinem gelben Flitzer, was nur bedeuten konnte, dass das Banner seinen Zweck erfüllte.
    „Große Weihnachtsaktion!“, erkannten seine altersmüden Augen ein paar Sekunden später und lasen erregt weiter: „Bei Einkauf eine Di2 und einen 300-EUR-Gutschein gratis dazu!“
    Zum Glück war es Harald gewohnt, dass ihn seine Augen manchmal im Stich ließen und so blieb er ganz relaxt und las erneut. Doch auch aus 3 Metern Entfernung verblieben die Buchstaben in der oben erwähnten Reihenfolge und Harald öffnete zitternd die Ladentür.
    Inmitten einer Traube wildgewordener Radverrückter thronte ein Weihnachstmann auf einem Podest. Hinter ihm türmte sich ein riesiger Sack, vor ihm lag eine Minikasse, in welche er gerade die 5 EUR packte, welche der Besitzer des gelben Porsche ihm gönnerhaft für ein blinkendes Rücklicht übergab.
    „Danke, werter Herr!“, säuselte Hugo und griff hinter sich in den Sack. Heraus beförderte er ein dickes Paket mit einer kompletten Di2 Ultegra und überreichte es dem Porscheheini.
    „Moment, gehen Sie noch nicht!“, rief Hugo, als Heini schon zu seinem gelben Flitzer marschieren wollte. „Sie bekommen doch noch den Gutschein. 300 EUR, wenn Sie bei Harald ein Rennrad kaufen.“
    In der Nähe der Ladentür erscholl ein erstickter Schrei. Alles blickte in diese Richtung, doch niemand konnte in der Menschenmenge den Schreier ausfindig machen. Nur der Weihnachtsmann von seiner erhöhten Podest-Position erkannte Harald, der sich kreidebleich an die Türklinke krallte.
    „Harald, da bist Du ja!“, rief Santa Claus erfreut. „Sehr geehrte Kundschaft, darf ich vorstellen: Harald, der Inhaber dieses schönen Geschäftes.“
    Beifall erscholl, einige pfiffen vor Begeisterung und hielten ihre Cent-Artikel hoch, welche sie gleich beim Weihnachtsmann gegen eine Di2 eintauschen würden. Harald tastete sich langsam vorwärts und versuchte, in die Nähe des Weißbartes zu gelangen, der gerade die nächsten zwei Pakete verteilte und Gutscheine unterschrieb. Harald zwang sich, seinen Schritt zu beschleunigen, denn hier ging es um Sekunden.
    „Was… was… was geht hier vor!“, stotterte er erschöpft, als er endlich bei Kostüm-Hugo angelangt war.
    „Wahnsinn, was?“, flüsterte Hugo begeistert. „Ich hatte ja gehofft, dass es gut läuft. Aber an so einen Andrang glaubt ja nicht einmal der Papst!“
    Hugo griff erneut in den nur noch mäßig gefüllten Sack und beglückte einen Kunden, welcher gerade einen Dreierpack Ventile für 1,39 EUR erstanden hatte.
    „Kommen Sie wieder“, rief Hugo ihm fröhlich hinterher, doch der Kerl war schon verschwunden aus Furcht, dieser verrückte Weihnachtsmann könnte es sich anders überlegen.
    „Gibts auf die Di2 eigentlich auch eine ‚Geld-zurück-Garantie’“, fragte ein Rotzlöffel, der es gerade so schaffte, über die Ladentheke zu blinzeln.
    Entsetzen spiegelte sich auf dem Gesicht von Harald, doch war er nicht in der Lage schneller zu reagieren als Hugo.
    „Selbstverständlich, mein Junge. Auf alle Waren gibt es Garantie, wie immer!“
    Die Tür flog auf! Als hätte die Meute nur darauf gewartet, stürmte sie mit hocherhobenen Di2-Paketen auf Santa Claus zu und bat um Rückgabe gegen cash. Das erste Mal schaute dieser ein wenig ratlos beim Blick auf die Minikasse, gefüllt mit ein paar wenigen Scheinchen. Doch schnell erhellte sich das gut verhüllte Antlitz Hugos und er wies auf Harald:
    „Wer die Di2 zurückgeben möchte, kann das gern tun. Bitte wenden Sie sich in diesem Fall an den Geschäftsführer.“
    Sprachs und holte die nächste Schachte aus dem Sack für langbeinige, stöckelbeschuhte Blondine, welche ein Rennrad garantiert bislang nur aus dem Fernsehen kannte.
    „ALLES RAUS HIER!!!“
    Harald platzte der Kragen und selbst Hugo verrutschte vor Schreck die Weihnachtsmann-Maske.
    „ALLE RAUS, ABER SOFORT! AKTION ENDE!!!“
    Harald schrie und trieb die Herde gen Ausgang wie ein Schäfer kurz vor Sonnenuntergang. Einige mähten empört, doch beugten sie sich Haralds furchterregender Erscheinung, denn dieser wurde getrieben von der existenziellen Angst, nie wieder Porsche fahren zu können. Und inmitten der Herde gab es auch ein rotes Schaf, welches sich leise davonschlich…

    Ein paar Tage später stand ein neuer, schwarzer Porsche vor Haralds Geschäft, in welchem ein Schild prangte mit der Aufschrift „Bis Silvester geschlossen!“ Vergnügt zog Harald den Schlüssel aus dem Schloss, stieg in seinen neuen Wagen und rauschte davon, irgendwo in Richtung Süden, um sich vom Stress zu erholen.
    Am Tag zuvor war Daniel im leeren Laden erschienen und gemeint, dass er von Haralds Unglück gehört hätte. Und als dieser zusammengesunken über der Theke hing und nur müde den Zeigefinger hob, brachte Daniels sonst so übercoole Ader es nicht übers Herz, seinen Haushändler so leidend zu sehen: Er kaufte das edle Einzelstück aus der Schweizer Handfertigung und schloss das Kapitel mit den Worten: „Der nächste Sommer kommt bestimmt. Frohe Weinachten!“

  • Die Schwimmer

    Paul erzählt

    Drei Wochen nach Heiligabend kehrte Hugo aus dem Zeugenschutzprogramm zurück!
    Haralds Wutpegel war inzwischen auf ein erträgliches Niveau herabgesunken, so dass die Polizei es wagte, Hugo wieder der Öffentlichkeit zuzuführen. Wir bezweifelten zwar die grundsätzliche Richtigkeit dieser Maßnahme, hatten jedoch keinen Einfluss auf den Arm des Gesetzes: Niemand aus unserer Radtruppe arbeitete bei den Ordnungshütern, um gegen diese Entscheidung anzugehen.
    Gleich am ersten Abend in der Stammkneipe tracktierte uns Hugo mit seinen neuesten Ideen:
    „Jungs. Bei dem Sauwetter hier kann ja kein Mensch Rennrad fahren. Nich mal Schnee gibt’s dieses Jahr! Ich wünsch mir fast das Zeugenschutzprogramm zurück, dort, wo sie mich hingesteckt hatten, konnte ich jeden Tag trainieren.“
    Als ob wir so etwas hören wollten. Hugo mit Trainingsvorsprung, was gibt es Schlimmeres? Er war noch nicht fertig mit seiner Rede:
    „Jetzt habe ich Sorge, meine fantastische Frühform zu verlieren und ihr solltet was gegen Eure Bierbäuche tun!“
    Ich fühlte mich nicht angesprochen, schließlich trank ich wie immer nur Bitter Lemon, doch Hugo kannte keine Gnade und schob noch einen Satz hinterher, der unmissverständlich klarstellte, dass auch mein Gesöff und die Wampe unter meiner Brust kongruent im Zusammenhang stünden.
    „Wie wär’s mit Schwimmen!“, schlug er vor und beendete endlich seinen Vortrag. „Zweimal die Woche, alle Mann!“
    Niemand hörte auf Hugo, trotzdem dackelten wir am nächsten Dienstag in unser Stadtbad, da jeder Sorge hatte, dass der andere schwach würde, was bedeutete, dass nach Hugo noch ein Konkurrent mit Trainingsvorsprung ins Jahr startete.
    Daniel zählte hier natürlich – wie überall sonst auch – zu den Stammkunden. Hugo kannten sie ebenfalls, auch wenn ich bezweifelte, dass diese Tatsache irgendetwas mit Schwimmen zu tun hatte. John und ich dagegen betraten diesen Lieblingstreffpunkt aller Chloratome zum ersten Mal im Leben. Am Eingang orderte Hugo für uns Zehnerkarten, schließlich hatte er zweimal pro Woche Training angeordnet. John fluchte, wie sollte er diesen Verlust je wieder wettmachen. Er versuchte es mit Familienvater-Rabatt, aber die humorlose Ticketverkäuferin im Walroßformat kannte keine Gnade und zog Johns – in seinen Augen sehr dicken – Geldschein ohne jede Mitleidsregung ein.
    Einige Minuten später hingen wir zwei zitternd am Beckenrand. Jetzt kapierten wir das blöde Gekicher von Daniel und Hugo, als sie uns beide unter der heißen Dusche entdeckten. Wir genossen die wohlige Wärme und wunderten uns über die zwei Dämdackel, die ohne mit der Wimper zu zucken unter einen eiskalten Wasserschwall tauchten. Ich bedauerte einmal mehr Hugos viel zu frühe Entlassung aus dem Zeugenschutzprogramm.
    Mit klammen Fingern versuchte ich, mir diese verfluchte Schwimmbrille um meinen Schädel zu klemmen. Immerhin gelang es mir nach einiger Zeit, schließlich hatte ich mir auf Daniels Rat eine ordentliche Brille im Fachgeschäft besorgt und zu Hause schon ein wenig geübt. John dagegen zog „aus Kostengründen“ eine Leihbrille dieser öffentlichen Badeanstalt vor und der sehr geehrte Leser muss sicherlich keine allzu weitschweifige Fantasie besitzen, um sich vorzustellen, dass dieses Modell nicht (mehr) die allerbeste Qualität aufwies. Johns Hauptbeschäftigung in der nächsten Stunde bestand darin, alle zwei Bahnen anzuhalten, um das Wasser wieder aus den Brillengläsern zu kippen und das lapprige Ding erneut über die Nase zu stülpen. Was dabei eigentlich unerwähnt bleiben sollte: Er war dennoch schneller als ich!
    Ich bin Rennradler und kein Schwimmer! Leider zog diese Ausrede am heutigen Tage nicht, schließlich galt dies auch für mindestens drei weitere Badegäste. Immerhin darf ich später meinen Enkelkindern berichten, dass ich bei einem Schwimmwetttbewerb aller sich im Becken befindlichen Badegäste nicht auf einem der letzten Plätze gelandet wäre. Doch ich will nicht vorgreifen, denn nun bin ich beim Hauptteil dieser Geschichte und meiner Warnung an alle, die ebenfalls die an sich sehr vorteilhafte Sportart Schwimmen für ihr Wintertraining auserkoren haben: Seid gewarnt vor denen, die Euch unweigerlich auch in Eurem Stadtbad begegnen:
    Da wäre als erstes Beckenrand-Ali. Nach jeder zweiten Wende nervte ich ihn einfach nur damit, dass ich in meinem Eilzugtempo auf ihn zuschwamm und erst im letzten Moment die Richtung wechselte und neben ihm meine Wende vollzog. Ich versperrte ihm die Gaffer-Sicht! Auf was? Ich kann natürlich nur raten, aber für Ali schien die Zeit stehengeblieben zu sein und er betrachtete das Schwimmbad als beste Möglichkeit für ein Spanner-Stündchen. Dass er zu Hause einfach nur mal das Internet starten könnte und dort sicher schönere Anblicke genießen würde als hier auf ältere und leicht übergewichtige Damen, hatte ihm wohl noch keiner verraten. Deshalb, und wahrscheinlich auch, weil er seine Frau aus religösen Gründen immer nur mit Kopftuch und Ganzkörperschleier sehen durfte, tat er mir schon fast wieder leid. Ganz im Gegensatz zum Tratschweiber-Duo!
    Diese beiden Damen – immerhin schien ihre Geburt noch kein Jahrhundert her zu sein – bewegten sich tatsächlich noch langsamer als ich! Als Schwimmen möchte ich die Sportart – welche die beiden betrieben – nicht bezeichnen, aber es war auch kein Stillstand. Schaute man ganz genau hin, hatte man gute Chancen zu bemerken, dass sie sich tatsächlich fortbewegten. Ihre Umgebung interessierte sie wenig, schließlich waren sie damit beschäftigt, das gestrige Fernsehprogramm minutiös auszuwerten. Und selbstverständlich eigneten sich dafür am besten die mittleren Bahnen 4 und 5, wo man trotz Schneckentempo mit weit ausholenden Arm- und Beinbewegungen vorwärtskroch. Im Stau, der sich davor und dahinter bildete, so dass ich schon überlegte, die ADAC-Stauüberwachung anzurufen, hatte ich Zeit darüber nachzudenken, wie man es schaffte, sich bei dieser niedrigen Geschwindigkeit über Wasser zu halten und gleichzeitig unentwegt zu quasseln ohne einzuatmen. Ich kam nicht drauf, denn nun begegnete ich dem König aller Schwimmfreunde: Linien-Fred!
    Ich muss leider an dieser Stelle eines klarstellen: Linien-Fred ist keine Erfindung des Autors, um ein wenig Dramatik ins Geschreibsel zu bringen, nein! Linien-Fred gibt es wirklich, Linien-Fred existiert, Linien-Fred ist brutale Realität! All das, was ihr über Linien-Fred lest ist tatsächlich passiert und auch in diesem Moment, den ich zum schreiben und Fingertraining nutze, zittere ich vor Linien-Fred, denn der nächste Gang ins Stadtbad kommt bestimmt.
    Doch kehren wir zurück zu jenem Tag, als ich das erste Mal meine wenigen Bahnen zog und mir nach der dritten schon alles weh tat. Nicht nur die untrainierten Muskeln, die man zum schwimmen so braucht, nein, auch ein paar Weichteile nach Tritten von anderen, die ich im Gewühl unweigerlich einstecken muss. Doch meine große Stunde sollte nun kommen.
    Nur noch zehn Meter bis zur nächsten Wende – so schätzte mein sauerstoffarmes Hirn – musste ich zurücklegen und ich hatte beschlossen, dass mir eine kleine Pause gut tun könnte. Plötzlich spürte ich, dass ich mit meinen Füssen gegen etwas Festes stieß. Erschrocken reduzierte ich meine Schwimmbewegungen und trat etwas weniger fest nach hinten aus. Ich vermutete bei meinem Schleichtempo, dass sich hinter mir auch ein Stau gebildet hatte und eine arme Seele nicht mehr ausweichen konnte. Doch erneut traf ich ein Körperteil, einen Kopf, wie meine feinfühligen Füße unmissverständlich am Gummi einer Badekappe erkannten. Ich drehte mich leicht um und entgegen meiner Vermutung befand sich hinter mir niemand! Fast niemand, Linien-Fred war gerade dabei, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit in mich hineinzuschwimmen. Panisch rückte ich ein wenig zur Seite, was mich jedoch nicht rettete, denn nun befand er sich direkt neben mir und haute mir seinen rechten Arm erbarmungslos in die Seite. Ich schrie auf, was ihn jedoch nicht zu stören schien. Wir wendeten gleichzeitig, Linien-Fred natürlich schneller, was dazu führte, dass ich seinen linken Fuß im Gesicht spürte.
    Ich selbst war zu verdattert, um zu reagieren, doch mein Innerstes distanzierte sich vom paulschen Schlappschwanz und schrie empört in Freds Richtung:
    „Was bist Du denn für ein Idiot?“
    Der Durchschnittsmensch kennt auf so eine Frage meist nur zwei Antwortmöglichkeiten: Entweder ignorieren oder dem Fragenden in die Fresse hauen, wobei bei Zweiterem dahingestellt bleiben soll, ob verbal oder Tätlichkeit mit Roter Karte.
    Linien-Fred dagegen kannte noch eine dritte Variante. Er stoppte und drehte sich langsam um. Ich spürte mein Adrenalin zusammen mit meiner Angst, immerhin glich Linien-Fred`s Statur eher der von Daniel als der meinen. Doch er schaute eher wie ein verwunderter Erstklässler und fragte, was denn los sei?
    Ich starrte ihn fassungslos an, dann stotterten sich meine Redewerkzeuge einen Satz zusammen:
    „Äh… Du bist gerade in mich reingeschwommen!“
    „Ja, natürlich, Du schwimmst auf meiner Bahn!“
    „Deine Bahn?“ brüllte ich zurück, so dass es die ganze Halle hören musste.
    „Wenn jeder hier seine Linie schwimmen würde, dann gäbe es auch keine Probleme!“
    Sprachs und schwamm weiter … auf seiner Bahn!
    Ich benötigte ein paar Sekunden um nach Luft zu schnappen. Bei meinem Tempo hatte ich sowieso keine Chance, diesen Typen zu erwischen. In mir kochte es und ich führte Selbstgespräche, die unter Wasser aber nur nach „blubb-blubb“ klangen, obwohl ich Fred gerade mit diesen obernervigen Mittelspurfahrern auf der Autobahn verglich, die ihr Tun stets ohne Schuldbewusstsein damit begründen, dass doch alles in Ordnung sei, schließlich können die Langsameren ja rechts und die Schnelleren links fahren. Autsch!
    Irgendwann erreichte ich ohne weitere Zwischenfälle – ich hatte die Bahn gewechselt – die nächste Wende. Erst jetzt bemerkte ich, das Hugo und Daniel mich bereits am Beckenrand erwarteten. Kichernd fragte mich Daniel:
    „Na Paule, haste nun auch Linien-Fred kennengelernt?“
    „Wen?“
    „Linien-Fred! Der ist jeden Tag hier und ich hatte vorhin mit Hugo gewettet, wen von Euch Neulingen er zuerst erwischt, Dich oder John. Ich hab auf Dich gesetzt, danke Paul!“
    Lachend stieß er sich vom Beckenrand für seine nächsten tausend Meter. Hugo grinste dämlich, stieß sich ebenfalls ab, allerdings nur auf einen Kurztrip bis zur nächsten Ausstiegsleiter, wo die hübsche Bademeisterin auf ihn wartete.
    Auch wenn für mich keine Blondine mehr übrig blieb entschied ich, es ihm gleichzutun, denn niemand kann von mir erwarten, dass ich nach einer Begegnung mit Linien-Fred noch weiter schwimme!
    Bevor ich in der Dusche verschwand beobachtete ich noch, wie die eine Hälfte des Tratschweiber-Duos sich mit Linien-Fred prügelte. Anscheinend waren sie von ihrer Mittelbahn abgekommen und in Fred`s Linie geraten. Vergnügt pfeifend trippelte ich unter den warmen Schauer und dankte Gott, dass er trotz aller Verdrießlichkeiten am Ende doch immer wieder für Gerechtigkeit sorgt!

  • Beinrasur

    Daniel erzählt

    Riesensause in unserer Stammkneipe – der Kölner Karneval würde sich im Vergleich dazu für seine Langweiligkeit verschämt in eine Ecke verkriechen – denn Hannover 96 war gerade mit einem 1:0 beim FC Brügge ins Europapokalachtelfinale eingezogen. Der Hannoveraner ist bekanntlich das geborene Partytier und so wurde die Nacht zum Tag gemacht. Selbst Paul, zu solchen Anlässen auch „Bitter-Lemon-Paule“ genannt, stand nutzlos mit einer Bierflasche herum! Allerdings trank er auch diesmal nichts, er spielte nur den Flaschenhalter – ein Gefühl, dass sein Rennrad nur allzu gut kennt – für John, der sich gerade um gute 3 Liter Göttertrunk erleichterte.
    Hannover 96 im Achtelfinale! Ich würde mich viel lieber darüber auslassen, doch Paule sitzt mir im Nacken und meint, dass die meisten seiner Leser eher recht schräge Geschmäcker besitzen (z..B. Bayern- oder sogar Schalke-Fans – ganz Extreme sich gar nicht für Fußball interessieren!) und ich doch bitte einen wissenschaftlich fundierten Aufsatz über das Thema „Beinrasur“ verfassen möge. Nun denn, wenn der Radrennmeister persönlich diesen Wunsch äußert, so muss ich mich fügen, doch darf ich noch ein klein wenig zurückkehren zur After-96-Sieg-Party. Olé!
    Zwei Stunden nach Abpfiff sanken meine müden Knie auf einen Stuhl und ich fand mich in einer Runde von Bierleichen, die noch lebten, ja, einige von ihnen konnten sogar sprechen! Bitter-(bzw. inzwischen eher Wodka-) Lemon-Paul schwafelte am meisten und ich versuchte, mir aus seinen Worten einen Reim zu machen. Aus Verständnisgründen schneide ich das Lallen heraus:
    „Wisst ihr, wir Radfahrer, wir müssen das tun!“
    Einige lachten, nur Hugo und John nickten verständnisvoll.
    „Klar, und danach könnt ihr als Gogo-Tänzerinnen auftreten.“, lästerte ein Unwissender. Paul versuchte, ihn wütend anzublicken, was ihm aufgrund alkoholbedingt lahmgelegter Gesichtsmotorik eindeutig misslang.
    „Daniel“, meinte er hilfesuchend. „Nun sag doch auch mal was!“
    „Worum geht’s hier überhaupt?“, entfuhr es meiner Zunge, obwohl ich ihr geraten hatte, sich nicht einzumischen.
    „Beinrasur!“, hörte mein rechtes Ohr, mein linkes hatte dazu keine Meinung.
    Ich überlegte. Lange. Sehr lange! Das Wort sagte mir zunächst nichts, doch dann fiel mein Blick auf meine Bierflasche und meine Erinnerung kehrte zurück. Richtig, da war doch was, vor vielen Jahren – Damals!
    Ich rückte meine Stuhl zurecht und versuchte, mich in eine aufrechte Position zu bugsieren. Mein Hals reckte sich gen Nachthimmel, in welchem die Sterne heute in 96-rot funkelten und meine Stimme sang ein wenig, als die ersten Worte der Geschichte erklangen, welche ich nun heute für Euch erzähle:

    Es trug sich zu im Jahre 2002. Meine erste Million lag noch in ferner Zukunft und es war die Zeit von AOL und Modem und aus den klapprigen Computerboxen erscholl der Superhit: „Sie haben Post!“. Ich höre noch genau die Töne, welche so ein Modem bei der Einwahl von sich gab. Sie erinnerten mich an eine Horde verstörter Elefantenbullen, welche von einer nymphomanen Dickhäuterin verfolgt wurden. So war es wohl auch zu erklären, dass ich damals meine Zeit recht sinnfrei mit einer neuartigen Erfindung namens „Chatten“ verbrachte. Für die Unwissenden unter den Lesern: Man wählte sich online in einen sogenannten „Chatroom“, der von allerlei zwielichtigen Gestalten bevölkert war und laberte los – per Tastatur. So ein Chatroom besaß sogar ein Thema. Beispiele? „Seitensprung“, „Herzschmerz“ oder „Romantisches“. Es gab auch „Chemische Formeln“ oder „Geografie“, doch unterschieden sich diese Räume nicht von den Erstgenannten, denn stets ging es für uns Kerle, die wir uns damals noch in hoffnungsloser Übermacht befanden, ein Weibchen für einen Abend zu erobern (die Möglichkeit, dass „Anna“ in Wirklichkeit ein Kerl war, ignorierten wir!). Es gab auch den Chatroom „Nur für Frauen“, wer es schaffte, dort hineinzukommen, erlebte den berühmten Ausspruch „himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt“ am eigenen Leib, denn Frauen gab es in diesem Raum nie, nur gleichgesinnte Armleuchter mit geifernder Zunge und verklebter Tastatur!
    Genug der Vorrede! An jenem Abend hatte ich Glück, ein weibliches Wesen (und ja, Anna war weiblich! Und nicht nur das, sie war selbstverständlich jung, blond und verdammt gutaussehend!) fragte mich, ob wir nicht in einen Privatraum gehen könnten, ich wäre der Einzige hier, der nicht zu den üblichen Durchschnittsidioten gehörte. Ein Ritterschlag, den man nur höchst selten erlebte.
    Privatraum! Nur ich und Anna, ganz allein! Meine Tastatur löste sich auf und ich spürte, wie meine Finger statt der Tasten auf Anna herumklapperten, gefühlvoll und sinnlich. Und romantisch, denn als erstes tipperte ich:
    „Anna, schick mir ein Foto von Dir!“
    Grober Anfängerfehler, denn nun gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich bekam das echte Foto von Anna, was in den meisten Fällen zu folgenden Aktionen führte: „Bild öffnen, Schreck bekommen, Computer ausschalten und wieder einmal enttäuscht im Bett verschwinden“ – Allein. Oder sie schickte mir ein Räkelfoto von Angelina Jolie, was ich je nach Alkoholpegel mehr oder weniger für bare Münze hielt. An diesem Abend war ich aber noch nüchtern, zum Glück erhielt ich von Anna ein anderes Foto. Ich öffnete es und meine notgeilen Augen erblickten: Ein Bein! Ein zugegeben schönes Bein.
    „Ist frisch rasiert“, flötete Anna verführerisch.
    „Oh“, antwortete ich schlagfertig.
    „Deine auch?“, frage Anna.
    „Was?“
    „Na Deine Beine, sind die rasiert?“
    „Warum?“
    „Na Du bist doch Radrennfahrer! Hast Du vorhin erzählt. Oder etwa nicht?“
    „Ja, und?“
    Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass ich an meinen Antworten noch feilen müsste, doch zum Glück schien Anna das nicht zu bemerken. Statt sich grußlos aus dem Raum zu verabschieden versuchte sie es tapfer weiter:
    „Aber ihr Radrennfahrer rasiert Euch doch immer die Beine, hab ich gehört.“
    „Echt?“
    „Solltest Du machen, biste schneller!“
    „Wieso schneller?“
    „Hab ich gehört, hatte mal nen Ex, der meinte das.“
    „Ah.“
    „Außerdem würde ich nie mit nem Kerl vögeln, der sich nicht rasiert.“
    „Oh…“
    Endlich hatte sie das schlagende Argument gebracht und ich begriff, dass ich ihrem Rat unbedingt folgen musste. Nur hatte ich keine Ahnung, wie man so etwas anstellte.
    Wir beschlossen, darauf einen zu trinken, jeder zog kurz durch seine Wohnung und die Tastatur durfte eine Minute Pause einlegen. Anna entschied sich für Rotwein, ich mich für Wodka, eine kluge Entscheidung, da ich nun in der Lage war, Sätze mit mehr als zwei Worten zu bilden. Ich versuchte es sofort und kam auf:
    „Tut das nicht weh?“
    „Was?“
    Ich befürchtete, dass der Alkohol sie nun auf mein „Ein-Wort-Niveau“ herabgesetzt hatte, doch Irrtum, es folgte eine Predigt über das Rasieren und als diese überstanden war, las ich am Bildschirm ihren Vortrag über das Epilieren. Sie schloss mit dem Satz:
    „Das tut dann weh! Aber Du bist doch ein echter Kerl, oder? Ich vögel nur mit echten Kerlen!“
    Ich musste mich epi… ich hatte das Wort vergessen, dieses Rasierdings! Wir tauschten unsere AOL-Namen und verabschiedeten uns für diesen Abend. Ehe ich ins Bett ging, kaufte ich mir das teuerste und laut Werbung schmerzloseste Epiliergerät der Welt.
    Einige Tage später chattete ich wieder mit Anna. Ich hoffte auf ein Gespräch, in welchem kleine Tiere mit Flügeln die Hauptrolle spielen und Anna enttäuschte mich nicht. Doch dann, wie aus dem Nichts, schickte sie den Satz, vor welchem ich Angst hatte:
    „Und? Beine rasiert?“
    Ich verfiel automatisch in meine vergessen geglaubte „Ein-Wort-Taktik“:
    „Was?“
    „Na ob Du Dir die Beine rasiert hast. Oder besser epiliert!“
    „Äh…“
    „Dann wird das wohl nichts mit der Vögelei bei uns Beiden. Schade!“
    Ich gestand ihr, dass ich so ein Ding bestellt und mich damit in die Badewanne gehockt hatte. Und dann mit klopfendem Herzen eingeschaltet, an die Wade gesetzt und meine Hand ungefähr 3 Millimeter nach oben gezogen, als der Schmerz mein Kleinhirn erreichte. Das Epiliergerät purzelte in die Wanne, den Aufprall hörte ich jedoch nicht, da mein markerschütternder Schrei alles übertönte. Jetzt begriff ich, warum Frauen Kinder gebären und nicht wir Männer! Kinderspiel, wenn sie das hier aushielten!
    Nach ein paar Minuten dachte ich an Anna, stellte sie mir nackt vor und raffte allen Mut zusammen, der mir noch treu geblieben war. Ich setzte diesmal noch tiefer an, am Fußansatz – großer Fehler, denn der Schmerz wurde noch einmal übertroffen!
    All das erzählte ich ihr und am Ende weinte ich fast, als ich sagte:
    „Ich hätte so gern mit Dir gevögelt!“
    Ich rechnete nicht damit, dass sie antwortete und wollte den Rechner schon herunterfahren, als das geliebte Pling ihre Antwort ankündigte:
    „Ich lache hier gerade wie ich noch nie gelacht habe! Du bist so süß!“
    Ich schöpfte Hoffnung, doch sie wurde wieder zunichte gemacht, als sie hinterherschickte:
    „Aber unrasierte Beine muss trotzdem sein, so nen Haartypen lass ich nicht an mich ran! Wie kriegen wir das hin… lass mich überlegen…“
    Und es folgte der legendärste Abend meines Lebens, welcher mir den ultimativen Tipp bescherte, wie „Mann“ epiliert ohne diese Schmerzen:
    „Daniel, ich habs: Wir besaufen uns! Jetzt! Sofort! Und Du holst neben der Flasche Wodka auch das Epiliergerät an den PC!“
    Ich zögerte, doch als sie hinzufügte, wie sie sich schon auf die darauffolgende Vögelei freue, stürzte ich ins Bad und holte das Folterinstrument. Auf dem Rückweg griff ich nach der noch verschlossenen Wodkaflasche und hatte die ersten Schlucke bereits intus, als ich wieder vor meiner Tastatur auftauchte. Anna schrieb mir, dass ihr Rotwein ebenfalls schon seiner Tätigkeit nachkam und so wurden unsere Hände multitaskingfähig: Tippen und Betrinken gleichzeitig!
    Anna achtete pingelig auf meinen Satzbau. Solange ich noch in der Lage war, ihn einigermaßen hinzubekommen, war es noch zu früh. Ein schwerer Job, denn wenn sie den richtigen Moment verpasste, könnte ich leicht mit Alkoholvergiftung vom Stuhl kippen. Mir schien es fast, als ob sie Expertin auf diesem Gebiet war. Vielleicht gab sie auch Seminare unter dem Titel: „Epilieren unter Alkoholeinfluss – Regeln und Normen!“
    Dann war es soweit, Anna gab mir das Startzeichen:
    „Los, Daniel, Du schreibst nur noch Schwachsinn, jetzt ist es soweit! Schalt das Ding ein.“
    Ich tat wir mir geheißen. Das Epiliergerät röhrte. Es war inzwischen Nachts um halb zwei und mein Nachbar würde gleich an die Wand klopfen, um sich über diese Ruhestörung zu beschweren. Es war mir egal!
    „Du schaffst das, Daniel, sei mein Held!“
    Ich setzte das grauenvolle Mordinstrument an, zögerte noch kurz, dann zog ich es todesmutig hoch. Ich sang dabei irgendeinen dämlichen Sommer-Hit aus dem Radio und spürte nur ein leichtes Ziehen. Beim Hinunterschauen sah ich mein linkes Bein leicht doppelt, aber trotz des hohen Alkoholpegels erkannte ich eindeutig die haarlose Spur, welche das Epiliergerät hinterließ.
    „Anna, es funktioniert!“, hämmerte ich jubelnd in die Tastatur, auch wenn ich inzwischen für drei Worte eine halbe Ewigkeit benötigte.
    „Darauf trinken wir einen!“, kam es zurück. Ich fand kein vernünftiges Argument dagegen und so besiegelte ich das inzwischen vollkommen haarfreie linke Bein mit weiteren 4cl Wodka. Und das Rechte folgte zeitgleich mit dem letzten Tropfen aus der Flasche, ich siegte im Schlusssprint um Haaresbreite (ich begreife jetzt den Sinn dieses Wortspieles! :-)), so wie es ein Radrennfahrer am liebsten mag.
    Liebe Leser! Ihr kennt nun mein intimstes Geheimnis: Es gibt eine einzige Situation im Leben eines Rennradlers, bei welcher Besaufen ausdrücklich im Trainingsplan aufgeführt werden kann: Vor dem ersten Epilieren! Probiert es aus!
    Und Anna ließ mir nur fürs Rauschausschlafen Zeit, zwei Tage später klingelte sie an meiner Tür. Was für ein Glück, dass ich Single bin, der arme Paul wird das, was dann folgte, wohl nie erleben.

  • Rennradlerlügen

    Paul erzählt

    Rennradfahren ist ein äußerst günstiges Hobby. Wer vom Virus befallen ist kennt das Dilemma, welchem wir uns alle stellen müssen: Wie bringe ich meiner Frau (oder schlimmer: meinem Mann!) bei, dass das gesamte Weihnachts- und Urlaubsgeld in den neuen Laufrädern steckt? Deshalb empfehle ich: Pauls neuestes Kapitel niemals dem Lebenspartner zum Lesen geben! Denn in diesem Fall hilft bei Nebenwirkungen weder Arzt oder Apotheker.
    Es trug sich zu – Mitte März – in unserer Stammkneipe.
    Nach Dauerfrostperiode und Nebelfesttagen war heute so etwas wie ein Sonnenstrahl kurz nach Mittag gesichtet worden. Und kurz darauf piepste bei uns allen das Handy: Rund-SMS von Hugo. Dieses Ereignis für sich betrachtet erhielt keinen Alleinstellungspreis, schließlich nervte uns Hugo bei jeder Gelegenheit per „Mobilkommunikation“, seit er sich ein I-Phone angeschafft hatte. Wie Mohammed kurz vor Erfindung des Islam predigte er von seiner neuen Religion und warteten auf den Moment, in welchem er uns vorschlug, zu Steve Jobs Grab zu pilgern.
    Dieses Mal jedoch enthielt die SMS das wichtige Wort „Saisoneröffnungsplanung“ – sogar richtig geschrieben, was bedeutete, dass die Worterkennung des I-Heiligtums um ein „Rennfahrersprache“-Update ergänzt werden konnte. Oder Hugo für diese SMS 13 Minuten benötigt haben musste.
    Er verriet es uns zum Glück nicht, und so trafen wir uns an diesem Abend im „Plümecke“, Hannovers Antwort auf Weight Watchers, denn in unserer Lieblingskneipe besteht die Speisekarte aus einem Eintrag: Currywurst/Pommes rot/weiß. Man bekommt auch auf Wunsch ein hervorragendes Grillhähnchen, aber das gibt’s nur für Insider, die Karte verrät das nicht (ist mal ein Paulscher Kult-Tip für Hannovertouristen, im Plümecke muss jeder vor dem Ableben einmal gewesen sein!). Vorteil: Wir konnten gleich zum Thema übergehen und mussten uns keine Litanei Hugos über Für und Wider jedes einzelnen Gerichtes anhören. Die Getränkekarte dagegen erreicht Buchstärke, enthält aber keine alkoholfreien Flüssigkeiten bis auf BitterLemon. Auf eine Initiative meinerseits und stundenlangen Wortgefechten mit dem Wirt war mein Lieblingsgesöff in der Karte ergänzt worden, zwar nur ganz hinten, aber immerhin. So konnte ich es schnell wiederfinden, denn diese Platzierung ähnelte denen meiner Rennergebnisse.
    Nach der Bestellung von drei Bier und einem BitterLemon sowie einem Viererpack Currywürste mit extra viel Pommes hob Hugo mit seiner Rede an, welche ich an dieser Stelle nicht zitiere, schließlich hat der sehr geehrte Leser vielleicht keinen Alkohol in der Nähe, um das zu ertragen. Eine kurze Zusammenfassung meinerseits genügt, um dem Leser klarzumachen, dass Hugo in diesem Winter natürlich weder trainiert noch sich um irgendein Upgrade für seinen Renner gekümmert hatte. Er klang recht überzeugend und nach dem dritten Pils neigten wir dazu, ihm zu glauben.
    Als Daniel die gleiche Rede schwang (spätestens jetzt dürfte auch den Lesern, die eben noch traurig über die Kürze meiner Zusammenfassung waren, der Grund dafür klar sein!), gähnten wir belustigt und bestellten eine neue Runde Flüssiges, für Daniel dieses Mal auch BitterLemon, schließlich hatte er Trainingsrückstand und wir zwangen ihn, mein Göttergetränk zu inhalieren, Bier würde es erst geben, wenn er zugab, wieviel Kilometer er tatsächlich in den Beinen hatte.
    John hielt keine Rede, das war nicht nötig. Seine alte Rennkrücke würde wohl auch das 21. Jahrhundert überdauern und Training im Winter hielt er noch nie für nötig. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn er mich nicht trotzdem jedes Mal im Sommer in den Alpen abhängte, wie machte der Kerl das bloß?
    Als des Plümeckes Urinal genug Liter von uns erhalten hatte, bezahlten wir und verabredeten uns fürs nächste Wochenende zu einer ersten Ausfahrt. Am Sonntag, Hugo bestand auf diesen Tag, den Samstag wollte er nutzen, um seinen Renner vom Kellerdreck zu befreien. Ich grübelte, ob ich das Risiko wagen sollte, Hugo an zwei Tagen innerhalb eines Wochenendes zu sehen, ich hätte gern gewusst, ob sein Kellerschmutz auch Partikel der umliegenden Hügel enthielt. Ich unterdrückte meine Neugier und so trafen wir uns am Sonntag 12 Uhr an unserem üblichen Treffpunkt.
    Es war soweit, die erste Ausfahrt 2012! Ich brauchte nur 15 Minuten bis zum Startpunkt, doch ab 11 zog es Claudia vor, mir nicht mehr in die Quere zu kommen. Ich rannte zwischen Balkon und Kleiderschrank hin und her, um die richtige Klamottenwahl zu treffen, was mir natürlich nicht gelang, ich würde aus Angst vor der Kälte wie immer zu warm angezogen sein und es später bereuen. Mein „Im-Internet-Günstig-Bestellt“-Alurenner zerrte bereits an seiner Kette und wartete begierig auf seine ersten Meter 2012.
    Natürlich war ich wie immer der Erste und gleichzeitig Einzige, der pünktlich am Startort erschien. Daniel war der Nächste und sein Auftritt enttäuschte. Ich hatte erwartet, dass er wie jedes Jahr einen neuen Renner präsentierte, doch begnügte er sich dieses Mal in aller Bescheidenheit mit einem neuen Outfit, vom Helm bis zum Schuh in Grün-Schwarz: 96-Farben, wie der Hannoveraner heutzutage trägt. „Wir erobern Europa“ prangte in großen Lettern auf dem Trikot, was für mich zweideutig nicht nur nach einem Fussballspruch klang, sondern auch Urängste in mir wachrief, dass Daniel uns wieder irgendwo über die Alpen hetzen würde.
    Doch mir blieb keine Zeit, mich mit meiner neugeborenen Angst auseinanderzusetzen, denn jemand tippte mir auf die Schulter. Schon zehn Minuten nach vereinbarter Zeit stand John am Start. Ich erkannte meinen alten Kumpel trotz meiner altersschwachen Augen sofort, Schwierigkeiten bekamen sie allerdings beim Anblick seines uralten Renngestelles, es glänzte so merkwürdig:
    John – nicht Daniel – stand neben einem neuen Rennesel! Wie hatte er das durch die Familie geschafft? Lottogewinn? War John der berüchtigten Hannoveraner Mafia beigetreten? Oder gehörte er zu Christian Wulffs (Ex-) Bundespräsidentenstab? Er verriet es uns nie, dafür mussten wir in der halben Stunde, die wir auf Hugo sicher noch warteten, jedes Detail seiner Neuanschaffung begutachten. Ich platzte vor Neid und beschloss, auch Ganove zu werden oder reich zu heiraten. Weniger schlau war der Plan, alle meine Hoffnung auf Hugo zu setzen, was im Idealfall bedeutete, dass er gar nicht erst erschien.
    Den Gefallen tat er uns selbstverständlich nicht. Kurz vor Ablauf der Wartefrist, welche wir uns gesetzt hatten, tauchte Hugo fröhlich pfeifend auf, ignorierend, dass wir inzwischen vor Kälte zitterten. Zu meiner Erleichterung erkannte ich unter seinem Hintern das schmucklose Zweirad des Vorjahres. Erfreut begrüßte ich ihn als einzigen Bundesgenossen ohne Neuerung und Mann der Wahrheit, als mein Blick auf seinen Lenker fiel. Wo war das riesige Autonavi des Vorjahres geblieben (siehe Kapitel 04 „Hugo“)? Ich erstarrte, als ich auf seinem Vorbau einen funkelnagelneuen Garmin Edge 800 erkannte, der Traum jedes Zweibeiners mit Rennradgelüsten! Das konnte nicht wahr sein, ausgerechnet Hugo würde in Zukunft unsere Runden planen? Ich würde nie wieder anerkennende Blicke ernten, wenn ich an einer unbekannten Kreuzung beim Griff in die Trikottasche nach der Radkarte schon fünf Minuten später würdevoll verkündete, dass Linksabbiegen dieses Mal die Lösung aller Probleme bedeutet.
    Natürlich dauerte es eine weitere halbe Stunde, bis uns Hugo alle Funktionen des Garmin vorgeführt hatte. Stolz erzählte er uns, dass er unsere heutige Runde bereits eingespeichert hatte und er uns nun immer rechtzeitig vor jeder Abbiegung vorwarnen würde. Wir waren sehr froh darüber, schließlich fuhren wir unsere Auftaktrunde erst zum siebzehnten Mal und es wäre sicher fatal geendet, wenn wir uns verfahren hätten. Hugo hielt dieser Einwand jedoch nicht von seinem Vorhaben ab und so mussten wir unser sowieso schon langsames Tempo ein wenig reduzieren, damit Hugo genug Luft sparte, um uns jeden Meter bis zur nächsten Kurve vorzuzählen. In den Kurvenpausen weihte er uns auch in die Option „Radtourmodus“ ein, welche automatisch die ruhigsten Passagen heraussuchte, schließlich will ja niemand auf einer Schnellverkehrsstraße Rennrad fahren. Wir sahen das zwar ein, fragten uns nur, wo uns diese Option auf unserer Standartrunde nützen sollte, die keine Schnellstraßen enthielt. Wir sollten es schneller erfahren, als uns lieb war. Bei der nächsten Ortsdurchfahrt brüllte Hugo auf einmal laut „Reeeeeeeechts“, gefolgt vom Bremsenquietschen und Fluchen Daniels, der fast in Hugo reingerauscht wäre. Hugo bog in eine üble Gasse, die über ein paar weitere Sträßchen auf Umwegen schließlich wieder auf unsere ursprüngliche Straße führte.
    „Geil, oder? Die Hauptstraße umgangen und so wird aus einer läppischen Jahresauftaktrunde ein Radmarathon!“
    Unsere Garminbegeisterung sank bei jeder weiteren Ortsdurchfahrt ab, bis es Daniel schließlich reichte. Er bremste Hugo aus und zwang ihn zum Halten. Ein kurzes „Ratsch“ zeugte vom Ende des Garmins an Hugos Vorbau und er durfte sich für den Rest der Runde in Daniels 96-Trikottasche vom Stress ausruhen. Wir fragten uns still, ob sich Hugos Garmin so seine Tour durch Europa vorgestellt hatte.
    Was soll ich nach all diesen Technik-Highlights noch schreiben? Vielleicht folgendes:
    Ein einzelner Hügel durchkreuzte unsere ansonsten spiegelflache Auftaktrunde. Und das unverzichtbare Ausscheidungsrennen zum Gipfel gewann:
    ICH!
    Claudia hatte vor ein paar Wochen angekündigt, dass Mutter zu werden sicher auch ein schönes Hobby sei, ich hätte ja mein Rennrad, sie aber nichts. Und so hatte ich heimlich über den Winter wie ein Wahnsinniger trainiert – in der Hoffnung, dass an dem bösen Gerücht, Rennradfahren fördere die Impotenz, doch ein Fünkchen Wahrheit dran sei.
    Daniel fluchte… und zum ersten Mal gibt es in Pauls Geschichten eine Moral, die ich mit hocherhobenem Zeigefinger predige: Was nützt all das schönste Material? Am Ende entscheiden doch immer nur die Beine…

    PS: Ein Hinweis muss am Ende noch sein: Der Autor ist begeisterter Garmin-Besitzer, wenn auch nicht des neuesten Modells. Doch sollte man wissen, was man mit dem Ding tut, der Autor wusste es kurz nach Anschaffung nicht und so sind einige Erlebnisse in dieser Geschichte tatsächlich passiert…

  • Schokoladenfrauen

    John erzählt

    Hilf niemals einem Mann vom Schlage Rennradfahrer, der auf Diät ist! Noch dazu, wenn dieser Mann eine Diät so bitternötig hat wie ein Hase einen Fressnapf voller Gras auf einer blühenden Wiese. Die Rede ist von Paul, Körpermasse 1,79 m bei 71 kg. Als er jedoch gesagt bekam: „Da ginge noch was für die Bergauffahrten“ verabschiedete sich seine Vernunft in den Sommerurlaub und ich hätte gewarnt sein müssen. Daher nun mein gut gemeinter Rat an die Radlergemeinschaft: Rennt um Euer Leben … oder zumindest um Euren Seelenfrieden, wenn ein Exemplar aus Eurem Freundeskreis mit Paulschen Körpermaßen vom Diätvirus befallen wird!
    Doch beginnen wir ganz von vorn:
    Paul verlor seinen Job! Ehe ihn jetzt jemand bedauert, möge er bitte ganz entspannt weiterlesen! Denn schuld sind immer zwei, in diesem Fall sogar drei: Als erstes natürlich unser Paul höchstpersönlich, schließlich hatte er seine Kündigung selbstverfasst. Auch auf den Alkohol kann er es nicht schieben, denn zu diesem Zeitpunkt flatterten schon erste Diät-Hirngespinste in seinem Oberstübchen und er verzichtete auf das himmlische Gesöff. Der Zweite ist sein Chef, oder vielmehr Ex-Chef, der ihn mit Gehaltserhöhungsangeboten, Arbeitszeitverkürzungen oder wenigstens einer Packung neuer Büroklammern hätte zurückhalten können. Nichts dergleichen geschah, vielmehr wirkte er beim Empfang von Pauls Kündigung seltsam zufrieden.
    Der Dritte im Bunde der Schuldigen, ich wage es kaum auszusprechen, ist der Unfehlbare höchstpersönlich: Pauls alter Vatikan-Kumpel Benedikt! Der Stammleser hat bereits aus früheren Kapiteln (man lese nach in Kapitel 20 und 21) erfahren, dass Paul im regen Briefkontakt mit seiner Heiligkeit steht. Der alte Ratzinger gestand ihm, dass er sich den Papst-Job leichter vorgestellt hatte. Das Schönste sind noch die Papamobilfahrten und die Nächte im breiten Papstbett. Doch das viele Redenvorlesen fällt einem alten Mann schwer und das Heiliggetue noch mehr, gerade diese Kondomgeschichte hatte ihm noch niemand so richtig erklärt. Und als Paul ihm die Ohren mit seinem Jobproblem volljammerte, meinte er eines Tages, dass es doch nicht sein könne, dass zwei solch ausgeschlafene Jungs wie Paul und Benedikt sich ihre Arbeit vorschreiben ließen.
    „Lass uns kündigen und unseren Lebensabend genießen!“, schrieb er Paul in altgriechisch, er verwechselte oft die Sprache.
    „Du hast gut reden!“, schrieb Paul ihm zurück. „Schließlich hast Du ausgesorgt und kriegst sogar noch ne anständige Rente!“
    „Von wegen!“, konterte er prompt, diesmal in Latein. „Den Job darf ich nicht kündigen, ich hab in meinem Vertrag unter Paragraf 8 nachgeschaut, da steht: ‚Kündigt seine Heiligkeit seine Tätigkeit vor Vertragsende (=verstorben), so verfällt jegliche Leistungsverpflichtung seitens des Vatikans‘.“
    Da hatten die beiden wieder etwas gemeinsam, war doch auch für unseren Paul dank eigener Kündigung kein Arbeitslosengeld drin. Also musste für die zwei Verlierer ein neuer Job her. Von Pauls Videoproduktion allein konnte er nicht leben, trotzdem stellte er Benedikt als Hilfskraft ein und so kann es durchaus sein, dass derjenige, der in letzter Zeit DVDs auf www.paulblaes.de bestellt hat, die Datenträger mit Heiligenschein erhält – schließlich stammen sie aus der Produktion von Benedikt höchstpersönlich. An dieser Stelle sollte ich Paul vielleicht dazu raten, einmal über eine Preisanhebung nachzudenken, aber das gehört nicht hierher.
    Lange hielt sie das nicht über Wasser, weshalb Paul es mit Jammern bei allen Gelegenheiten versuchte und schließlich bei mir auf offene Ohren stieß. Unter welchen Drogen ich an diesem Tag gestanden haben muss weiß ich nicht, doch in meiner Firma suchten wir tatsächlich nach einer Bürokraft und da Paule der typische Bürohengst ist, sprach ich mit meinem Chef und Paul war eingestellt. Ich verriet meinem alten Kumpel natürlich nicht, dass ich das nur über ein Lockangebot geschafft hatte, denn mein Chef stellt als Bürokräfte normalerweise nur langbeinige Blondinen mit gewissen Vorzügen ein und diesbezüglich hatte Paul wenig zu bieten. Dafür zog er, ohne es zu wissen, ein anderes Register: Benedikt! Der Ex-Papst zog als Werbefigur für unsere Produkte natürlich die Massen und da Paul auch das Kleingedruckte in seinem Vertrag („… Vertrag gilt nur im Paket mit Benedikt…“) übersah, schien zunächst alles in Butter.
    Während also Benedikt die nächsten Tage damit verbrachte, für Türklingelanlagen zu werben (und auch Petrus für sein Himmelstor eine angedreht hatte, was ihm einen Extrabonus einbrachte, mit welchem er sich sein siebzehntes Rennrad für seine vatikanische Reliquiensammlung kaufte), startete Paul in seine ersten Tage als Büroschlampe – als einziger Mann im Blondinenstall!
    Zwischenzeitlich erhielt er den anfangs erwähnten Diät-Tipp im Rahmen eines Leistungschecks, den er zu allem Übel auch noch von uns Radjungs zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte.
    „Du könnest ruhig noch 2-3 Kilo verlieren, um als Bergziege durchzugehen.“, flötete der Pseudowissenschaftler an der Tretmaschine, die Paul gerade bis zum Erbrechen malträtiert hatte. „Das wäre die Grenze zum Hungerwahn, die gilt es zu erreichen, aber nicht zu überschreiten!“
    Da Pauls Träume entgegen der sonstigen Männerwelt weniger aus Sex und Autos bestehen, sondern dem wohl nie erreichbaren Traum, Daniel am Berg zu schlagen, entrümpelte er seinen Kühlschrank, Eisfach und Speisekammer komplett bis auf jene Dinge, die zu 100% als zucker- und fettfrei ausgewiesen waren. Zwar war mir klar, dass Paul das sowieso nicht lange durchhält, doch in der kurzen Zeit, in welcher er den Diät-Guru mimte, brachte er mich zum Äußersten.
    Die ersten Tage im Büro verhielt sich Paul unauffällig, abgesehen vielleicht von seinem Arbeitstempo, der wachsende Aktenberg auf seinem Tisch störte sogar die Putzfrau. Aber vielleicht brauchte Paul einfach für seine Eigenmotivation große Berge. Das bestätigte sich, als ich ihn kurz besuchte, um eine Akte zu bringen und ich eine der blonden Kolleginnen über seinen Aktenstapel gebeugt vorfand, während Paule auf die Alpenlandschaft in ihrem Ausschnitt starrte.
    „Das ist ja toll, Paul, dass Du das so durchhältst!“, hörte ich sie flöten. „Ich könnte das nie! Wie machst Du das bloß?“
    Er faselte irgendetwas durch seinen sabbernden Mund, ich verstand kein Wort und scheuchte Blondchen aus der Tür, um meine Akte loszuwerden. Paul war nicht begeistert, dass ich ihn wieder ins Hannoversche Flachland zurückholte, aber er beließ es bei einem Brummen, schließlich verdankte er mir diesen Job.
    Als mich ein paar Stunden später meine interne Flüssigkeitsversorgung zwang, das Örtchen aufzusuchen, traf ich auf eine drängelnde Horde Blondinen vor Pauls Büro.
    „Hält er das wirklich durch?“
    „Unglaublich!“
    „Er ist ja ein Held.“
    „So einen hätte ich zu Hause auch gern!“
    … faselten meine hochgeschätzten Kolleginnen und ich spürte plötzlich, wie meine Galle mir zuflüsterte, dass sie gleich bitter kotzen würde, wenn ich nicht einschreite. Bis zum heutigen Tage hatte ich kein Problem mit dem Einstellungsgebaren meines Chefs, denn auch ich war ein Freund bergiger Aussichten, doch heute hatte ich noch nicht einen einzigen Hügel betrachten dürfen – die Erklärung fand ich hier.
    „Was ist denn hier los?“, entfuhr es mir eine Spur zu scharf, die Hühnerschar schrak hoch und schnatterte durcheinander. Ich hörte jedoch deutlich heraus, dass es um Schokolade ging.
    „Schokolade?“, fragte ich verwirrt und richtete meinen Blick auf Paul, der auf seinem Tisch einen Stapel Schokoladentafeln auftürmte und gerade dabei war, jede einzelne mit kleinen Zettelchen zu bekleben.
    „Hallo John“, grinste er mich unverschämt an. „Willkommen im Schokoladenlager der Firma. Hast Du auch was aufzubewahren?“
    Als ich nur verständnislos durch die Gegend starrte half mir eines der Blondchen aus der Patsche und erklärte.
    „Ach Johnny, der Paul macht grad Diät und schafft es, jeden Tag nur ein Stück Schokolade zu essen. Stell Dir das mal vor!“
    Durch meinem Geist zog das Bild von Paul nach unserer letzten Ausfahrt, als er abends bei mir noch Fußball guckte, mich mit seiner abartigen FC-Bayern-Liebe nervte und dabei meinen Süssigkeitenspind leerfraß. Ich verstand kein Wort!
    „Das schafft von uns keine!“, flötete ihre Nachbarin, die Paul gerade zwei weitere Tafeln auf seinen Tisch legte und ihn dabei ansah, als wäre er Jesus höchstpersönlich. Fehlte nur noch, dass sie auf die Knie sank und ihn anbetete. Das tat sie nicht, dafür verteilte sie Küsschen links und Küsschen rechts, ein Ritual, welches ich noch nie genießen durfte.
    „Und jetzt bringen wir unserem Schoki-Helden unsere ganzen Dickmacher und er verwaltet sie für uns. Denn bei ihm sind sie sicher wie ich unter ein paar Schwulen.“
    Der Vergleich gefiel mir und Paul verspannte sich kurz, doch als sie ihn liebevoll an sich drückte und sein Kopf in ihren Rundungen verschwand, konnte ich mir gut vorstellen, dass er ihr noch einmal verzeihen würde. Mir reichte es und ich sprintete aus dem Büro.
    Die nächsten Tage wurden für mich zur Hölle. Die Blondchen hatten anscheinend nur noch drei Aufgaben: Zu einem geringen Teil arbeiten, zu einem weit größeren Teil auf die Schokoladenration vor Pauls Büro warten (inzwischen hatte er ein Gerät an seine Bürotür installiert, das automatisch Nummern ausspuckte, welche er dann gönnerhaft ausrief) und als ob das noch nicht genügte: Sie erledigten Pauls Aktenberg!
    Als ich eine meiner abtrünnigen Kolleginnen fragte, warum sie das täten, erhielt ich neben der Antwort einen erstaunten und gleichzeitig strafenden Blick über so viel Unverständnis:
    „Der Paul ist absolut ausgelastet als unser Schokiverwalter, siehst Du das denn nicht?“
    Und sie deutete in sein Büro, in welchem Paul gerade dabei war, ein Blondchen auf seinen Schoss zu zerren und sie mit ihrer Schokoladenration zu füttern.
    Ich musste handeln und so leid es mir für Paul tat, der heute, wo ich diese Zeilen schreibe, gerade wieder im Jobcenter herumhängt – so konnte es nicht weitergehen! Ich gebe zu, dass mein Vorgehen missgünstig und gemein war, aber ich wollte mein Leben zurück. Schließlich waren die Blondies das Geheimnis meines Erfolges auf dem Rennrad ohne Training: Sie hielten mich fit!
    Eines Tages kam Paul in sein Büro. Er setzte sich und startete seinen Rechner, um möglichst schnell an die Excel-Tabelle zu kommen, in welche er akkurat jedes Blondchen und dessen Zuteilung eintrug. Die Tabelle verriet ihm, welches Bunny ihn als Nächstes besuchen durfte. Plötzlich stutzte er und bemerkte eine Veränderung. Irgendetwas stimmte nicht. Er schaute sich um, schnüffelte und gewahrte mein Lockmittel:
    Eine prallvolle Schüssel Gummibärchen! Und was er nicht wusste: Unser Maestro hatte sie eigens präpariert mit diversen chemischen Zusatzstoffen aus der Top Ten der Dopingliste.
    Wir hatten eine kleine Kamera installiert und filmten Paul. Ich hoffe, dass keiner der Leser der Gewerkschaft angehört und wir ein Verfahren an den Hals bekommen, doch wir mussten es tun! Gespannt verfolgten wir Paul, dessen Blicke immer häufiger und hektischer zu der Gummibärchenschüssel wanderten. Endlich erlöste er uns und griff sich einen der saftigen Bären. Er drehte ihn noch dreimal hin und her, dann ließ er ihn in seinem Mund verschwinden. Genüsslich lutschte und kaute er darauf herum und ich sank erleichtert in meinen Sessel zurück. Geschafft! Wir ließen die Kamera weiter filmen, bis Paul, der sich nun nicht mehr beherrschen konnte, die ganze Schüssel weggefuttert hatte.
    Eine Stunde später auf der Abteilungsversammlung hatte ich meinen großen Auftritt. Als der Film abgespielt wurde schrien die Blondinen vor Entsetzen! Ihr Heldenbild brach zusammen, sie weinten und heulten und zeigten mit den Fingern auf Paul, den Betrüger!
    „Wenn es wenigstens Schokolade gewesen wäre, aber Gummibärchen, dieses Dopingzeug!“ jammerten sie durcheinander und meinem Chef blieb nichts anderes übrig, als Paul sofort zu feuern.

    Immerhin hat die Geschichte auch drei gute Seiten:
    1. Die Blondinen besuchen nun wieder mein Büro und verehren mich als Held, der es geschafft hat, den Betrüger zu entlarven. Mein Höhentrainingslager ist damit mein Büro!
    2. Benedikt arbeitet immernoch für uns und sorgt dafür, dass mein Jahresbonus enorm gestiegen ist.
    Und schließlich 3.: Auch Paul ist dankbar, ist er doch vom Diätwahn geheilt, seit er endlich wieder Dopingmittel genießen durfte. Er hat gemerkt, dass es auch andere Möglichkeiten als langweiliges Abnehmen gibt, anständig einen Berg mit dem Rennrad hochzukommen. Ein Dreifachtusch auf den Maestro und sein Chemielabor!!!

  • Der Nachtfahrer

    Daniel erzählt

    Paul darf sich dieser Tage mit dem Titel „Trottel des Freundeskreises“ bezeichnen! Erst verfällt er dem Diätwahn, dann verliert er gleich zwei Jobs innerhalb kürzester Zeit (beides nachzulesen im letzten Kapitel „Schokoladenfrauen“) und nun auch noch das: Seine Claudia ist schwanger!
    „Wie konnte das passieren?“, fragte ich ihn unverblümt heraus, als er mir – mit einem Bier in der Hand – in unserer Stammkneipe sein Leid klagte.
    „Und seit wann trinkst Du das Göttergetränk?“ wunderte ich mich noch viel mehr über Pauls bieriges Gesöff. Ist er doch sonst neben Claudia nur mit BitterLemon-Flaschen verheiratet.
    Er starrte mich an, dann wanderte sein Blick geistesabwesend hinab bis zu seinem Glas. Er fixierte es mit einem Blick Marke „Was mag das sein?“, zuckte mit den Achseln und gönnte sich einen tiefen Schluck! Paul schien selbstmordgefährdet!
    „Ich meine…“ begann ich einen erneuten Versuch. „Ich dachte, bei Euch läuft eh nix mehr?“
    Auf Pauls Gesicht zeigte sich ein kurzes, schelmisches Lächeln, welches jedoch sofort wieder jenem gequälten Ausdruck wich, welcher von ihm Besitz ergriffen hatte. Ich gab auf und ließ erschüttert von ihm ab!

    Am nächsten Tag klingelte ich John an, doch der wusste schon Bescheid.
    „Wir müssen was tun, John!“, sagte ich in todernstem Ton.
    „Wieso?“, fragte John erstaunt. „Ist doch toll, so ein Nachwuchs.“
    Ich biss mir auf die Zunge. Klar, John war hier der falsche Gesprächspartner, hatte er doch selbst zwei von diesen kleinen, egomanen Zeitfressern zu Hause und fand das auch noch großartig! Womöglich würde Paul auch noch zum Kinderliebhaber werden und sein Rennrad verkaufen, damit er sich den neuesten Hightech-Kinderwagen leisten konnte um sonntags damit durch die Lande zu düsen. Ich sah mich bereits allein als letzten Rad-Mohikaner unseren Hausberg Deister hochfahren, umvölkert von schreienden Neugeborenen und ihren selbstgefälligen Erzeugern, die mich wüst beschimpften, dass so etwas wie ich nicht hierher gehörte und ich doch bitteschön zu Hause trainieren sollte!
    Paul musste hier raus! Weg von seiner Frau, die sich bald in einen Elefanten verwandeln würde, weg von ihrem Süßholzgeraspel, welchem er unweigerlich erliegen würde: Ich schlug ihm vor, ganz spontan in die Alpen zu fahren, nur wir zwei, ich bezahle. Eine Woche Schweizer Hochgebirge heilt jeden stressgeplagten Fast-Vater vor existenzbedrohlichen Gedanken! John ließen wir zu Hause, er konnte dieses mal nur schaden!
    Und so trug es sich zu, dass wir dem Nachtfahrer begegneten, und das bei schönstem Sonnenwetter.. Doch beginnen wir den Tag von vorn:
    Ich erwachte von lautem Topfgeklapper, doch grinste ich zufrieden, denn diese Geräusche kannte ich und sie bedeuteten nur eines: Paul war wieder der Alte! Gestern, am ersten Tag hier in der Schweiz, bekam ich ihn kaum aus dem Bett. Lethargisch murmelte er ständig vor sich hin, dass das alles doch keinen Sinn hätte, bald wäre er Vater und dann hätte sich das Rennradfahren sowieso erledigt. Was er denn überhaupt hier solle und dass Training für ihn bedeutungslos sei. Ich schaffte es mit übermenschlichen Kräften, ihn am späten Vormittag aufs Rad zu bewegen. Wir fuhren nur einen Pass, den wir auf gleichem Wege auch wieder hinabrauschten – immerhin.
    Heute Morgen jedoch kochte er Nudeln, wie in der Vergangenheit auch, die Küche – vor allem in den unmöglichsten Morgenstunden – gehörte Paul. Ich drehte mich noch einmal um und wartete darauf, dass er ungeduldig vor der Schlafzimmertür auf- und ablief, was bedeutete, dass die Nudeln fertig waren und er sich nicht traute, mich zu wecken. Vergnügt sprang ich aus dem Bett und lief zu meinem dampfenden Teller.
    „Paul, so gefällst Du mir schon viel besser. Glaub mir, Du musst diese schlimme Sache, die Dir da passiert ist, einfach vergessen. Wir finden schon eine Lösung, wie Du da wieder rauskommst, glaub mir.“
    Und damit war dieses üble Thema für diese Woche erledigt. Ich nutze Pauls gute Laune und überzeugte ihn, heute die Traumrunde Furkapass – Nufenenpass – Gotthardpass zu fahren. Wem diese berühmten Namen nichts sagen, den möge umgehend ein schlechtes Gewissen ereilen! Er oder sie schaue bitte sofort bei Wikipedia oder quaeldich.de vorbei und lese erst weiter, wenn er oder sie sich das notwendige Wissen angeeignet hat.
    Pauls Laune steigerte sich noch, als er den Furka nur wenige Sekunden nach mir passierte! Ein erster, düsterer Schatten zog über meinen Stimmungshimmel, wollte ich mich doch auf der Passhöhe wie gewohnt in die Sonne legen und ein paar Minuten dösen, während ich auf meinen Kumpel wartete. Doch am Furka war nicht einmal genug Zeit, den Helm abzulegen, als Paul schon freudestrahlend neben mir stand und irgendwas von „läuft hervorragend“ faselte. Dieses Vaterwerden wurde zum ernsthaften Problem! So sonnten wir uns kurz zusammen und kauten an einem Müsliriegel.
    Schlimmer erging es mir am Nufenen! Der Pass präsentiert sich von seiner Westseite grimmig, ständig zeigte mein Garmin irgendwelche zweistelligen Steigungswerte an und faselte permanent, dass die Passhöhe noch fern sei. Da geschah das Unfassbare: Paul zog lächelnd an mir vorbei, war auch noch fähig, irgendwas von „jetzt ist mal Zeit für Führungswechsel, immer machst Du die ganze Arbeit“ zu faseln – und weg war er! Zwei Kurven später hatten meine Augen ihn aus dem Blickfeld verloren. Mein Hirn raste und suchte verzweifelt nach Lösungen, selbst in Ecken, in welche es sich sonst nie wagte (zum Beispiel, die, in der die verbotene Kiste steht mit der Aufschrift „Heiraten und Kinderbekommen“ – war natürlich ein Irrweg!). Ich schickte meine Hirnströme wieder in geordnete und vernünftige Bahnen, doch half es nichts, ich schleppte mich müde und geschlagen gen Gipfel. Paul lag schon in einer kleinen Kuhle und sonnte sich. Er empfing mich vergnügt mit den Worten „Oh, hab gar nicht bemerkt, wann Du hast reißen lassen.“
    Unverschämter Kerl! Ich hätte doch allein fahren sollen!
    Doch wie so oft im Leben: Auch dieser Tag war noch lang und meine Stunde sollte kommen! Einen Pass gab es da ja noch und was für einen!
    Der Gotthard! Die Südauffahrt über die Tremola natürlich, Freude und Fluch zugleich. Am Gotthard gibt es zwei Möglichkeiten, die Passhöhe zu erreichen: Eine Schnellstraße und die alte Tremolaauffahrt. Landschaftlich ist es keine Frage, welche Variante vorzuziehen ist, hat sie jedoch einen entscheidenden Nachteil. Ab ca. 1/3 der Steigung führt die Straße über Kopfsteinpflaster! Wer sich dort hinaufquält, bekommt ein Gefühl für die Leistung unserer Vorfahren, welche mit Rädern teilweise ohne Schaltungen auf solchen Straßen die Pässe besiegten.
    Doch genug der Gefühlsduselei. Wir erreichten Airolo nach rasender Abfahrt und die Sonne brannte mit 32 Grad Außentemperatur erbarmungslos auf meine geschundenen Radlerwaden. Wasser wurde beim nächsten Trinkwasserhahn des Vertrauens nachgefüllt und während ich gierig trank, schwafelte Paul irgendwas von „Freu mich schon auf den Pass“. Mir war schlecht und ich wollte es nur noch zu Ende bringen. Ich schwieg daher und schwang mich seufzend auf den Sattel. Wie erwartet zog Paul schon 3 Kurven später mit flottem Tritt an mir vorbei. Jetzt war klar, ich brauchte eine willige Frau, die meinen Nachwuchs austrug, ein besseres Dopingmittel schien es nicht zu geben. Noch dazu legal (nun, vermutlich, ich hatte die Dopingliste noch nicht durchgesehen nach Begriffen wie „Säuglinge“ oder „Neugeborene“).
    Mich tröstete ein einzelner Leidensgenosse, welcher noch langsamer in die Pedale trat als ich. Auf einer langen Gerade, welche sich noch besten Asphaltes erfreute, sah ich, wie Paul ihm langsam näherkam und auch ich spürte es: Den hole auch ich irgendwann ein!
    Plötzlich hörte ich Paul fluchen und sah wieder nach vorn. Er hatte den Lenker herumgerissen und kurvte in einem mächtigen Radius um den armen Teufel herum. Dem ging es richtig schlecht, denn er war kurz vor Pauls Überholvorgang vom Rad gestiegen, was Paul zu dieser Harakiri-Aktion zwang. Jetzt hatte ich diese Type vor mir und konnte ihn mir, wenn auch noch aus einiger Entfernung, genauer anschauen:
    Sein Gefährt schien halbwegs normal zu sein, nicht jedoch sein Outfit: Über dem Trikot saß ein recht dicker Rucksack mit äußerem Doppelflaschenhalter. Der Kerl schleppte also insgesamt vier Flaschen mit sich herum. Über dem Rucksack – man bedenke dabei die Temperaturen – flatterte eine Weste in neonorange, wie sie Straßenarbeiter tragen oder wie sie jeder Autofahrer für Notfälle bei sich trägt. An der Weste blinkte zusätzlich ein Rücklicht. All das verwandelte unseren Radkollegen in einen Disco-Quasimodo auf Rädern. Doch als wäre es damit nicht genug, durfte auch am Helm eine LED-Stirnlampe nicht fehlen, immerhin hatte er diese ausgeschaltet (oder die Batterie leergesaugt).
    Kaum war Paul an Quasimodo vorbeigezogen, sprang dieser nach kurzem, überraschtem Aufschauens wieder auf seinen Renner und strampelte im hohen Gang wie ein Irrer hinter meinem bedauernswerten Kumpel hinterher.
    „Ist das Rad gut für die Bandscheibe?“ fragte er den verdutzten Paul, als er ihn erreicht hatte. Zu meinem großen Glück war mein Abstand noch klein genug, dass ich alles mithören konnte.
    „Was?“, antwortete Paul verständnislos.
    „Wo kommstn her?“, fragte Quasimodo weiter, ohne sich für eine Antwort auf seine erste Frage zu interessieren.
    „Hannover“.
    „Ich bin heute müde, sehr müde.“
    Paul nickte nur und ich spürte es bis hierher, dass er, obwohl er sonst gern neue Bekanntschaften schließt, jetzt schon genervt war. Wollte er doch diesen Pass, an welchem er mich stehenließ, so richtig auskosten und in seinem Tempo hochradeln.
    „Seid ihr auch am Wochenende die große Runde gefahren?“
    „Nein, sind angekommen.“, brummte Paul.
    „War ganz übel, nachts bei Nebel den Sustenpass runter.“
    „Hmmm.“ ließ Paul sich vernehmen.
    „380 Kilometer lang, und ständig Regen und Nebel. Zum Glück hatte ich Nebelscheinwerfer dabei. Ist im Rucksack.“
    Ich fühlte die Wut in Paul hochsteigen, doch sagen würde er noch lange nichts, er konnte viel ertragen.
    „Schönes Rad.“, meinte unser Westenmann nach einer kleinen Pause, in der Paul Hoffnung geschöpft hatte. Er trat kurz kräftiger in die Pedale und wackelte vor Paul herum, schaute aber ständig zurück. Schließlich fragte er zurück:
    „Ist das gut für die Bandscheibe?“
    „Keine Ahnung“, zischte Paul verständnislos zurück. Was hatte der Kerl nur mit seiner Bandscheibe. Immerhin erreichte er, dass Pauls Antwort die letzten Worte waren, die er zu hören bekam. Paul nickte nur noch oder schüttelte den Kopf, und auch das nur noch temporär. Der Bebuckelte mit seinem kleinen Lampenladen auf dem Rücken ließ sich davon jedoch nicht stören. Er fuhr mal hinter Paul, was diesen sofort dazu veranlasste, schneller zu fahren in der Hoffnung, dass Quasimodo reißen ließ. Dann wieder fröhlich weiter schwafelnd neben Paul – was an dessen Moral zerrte. Und einige Male strampelte er auch im Wiegetritt schräg vor Paul, ihn immer im Blick haltend, während er ihm Tipps für den Berg gab. Ich musste zugeben, ich hatte Pauls neuen Freund unterschätzt – und so erging es auch Paul selbst.
    Nach etwa einem Drittel der Auffahrt erreichten wir eine weitere Serptentine, von welcher man einen fantastischen Blick auf Airolo werfen konnte. Ich hatte inzwischen weiter an Boden verloren und sah Paul gerade um die Kurve verschwinden, während Quasimodo abbog, sein Rad an die Steinmauer lehnte und hinabstarrte. Auch ohne es zu sehen war klar: Paule trat jetzt um sein Leben! Und wirklich, ich sah ihn für lange Zeit nicht mehr, er musste ein irres Tempo angeschlagen haben. Dafür beschlich mich die Angst, dass ich das nächste Opfer des Lampenträgers sein sollte, doch schien ich mit meiner heutigen Schneckengeschwindigkeit kein würdiges Opfer zu sein. Kurz bevor ich in die Serpentine einbog, klackte er in die Pedale ein und strampelte wie der Teufel hinter Paule her: Die Jagd begann.
    „Schade“, murmelte ich vor mich hin. Das Schauspiel hätte ich mir gern weiter angesehen und angehört. Es hatte mich meine heutige Schwäche vergessen lassen, nun war ich wieder allein und die Beine schickten Dauerschmerz gen Hirn. Ich griff in meine Trikottasche, um nach einem Gel zu suchen. Ich fand keines, dafür ertasteten meine Finger zu meiner großen Überraschung etwas viel Besseres: Ein Gummibärchen! Es musste von einer Ausfahrt mit dem Maestro übriggeblieben sein. Und mindestens einen Waschgang mitgemacht haben.
    ‚Teufelszeug, wenn es sich in Wasser nicht auflöst‘, dachte ich begeistert. Doch bezweifelte ich, dass es in diesem Zustand noch seine Wirkung zeigen würde. Ich schob es dennoch hoffnungsvoll in den Mund. Sekunden später steigerte ich meine Trittfrequenz! Ich hörte den Maestro schimpfen ob meines Unglaubens, doch trieb mich das nur noch mehr an. Ich erreichte in lockerem Tritt den Beginn der Kopfsteinpassage, die Schüttelei begann, doch dank der Gummibärchenpower störte mich das kaum.
    Nicht nur dank meines hohen Tempos, sondern auch aufgrund des imposanten Straßenbaus der Tremolaauffahrt, welche aus unzähligen kleinen, übereinanderliegenden Serpentinen besteht, hörte ich plötzlich Quasimodo irgendwo über mir labern. Er musste Paul eingeholt haben.
    „Du musst rechts fahren, an manchen Stellen ist die Straße da glatter. Besser für die Bandscheibe!“ sagte Pauls neuer Kumpel gerade.
    Paul brach sein Versprechen, dass er nichts mehr Schweigegelübde und brüllte wütend zurück:
    „Dann fahr doch selber rechts, Du Nervtöter!“
    Im richtigen Moment strampelte ich um die Kurve und sah die beiden ein paar hundert Meter vor mir. Quasimodo schaute verdutzt, bislang war ihm wohl Pauls Unlust auf ein Gespräch nicht aufgefallen. Dann trat er an und wackelte davon. Doch nur eine Zeitlang, von diesem Moment an fuhr er exakt 30 Meter vor Paul her, immer zurückschauend, ob dieser auch nicht näherkam. Vergnügt holte ich auf und überholte Paul.
    „Da bin ich wieder.“, rief ich fröhlich, leise genug, dass Quasimodo es nicht mitbekam. Wir befanden uns nur noch ein paar Kurven unter der Passhöhe und inzwischen sah er sich nicht mehr um. Er war sich sicher, dass Paul nicht mehr herankommen würde, und das konnte er auch.
    „Ich bin platt!“, jammerte Paul. „Der Typ hat mich wahnsinnig gemacht und ich habe mich vorhin beim Fluchtversuch übernommen. Fahr ruhig weiter, ich tuckere hier so vor mich hin.“
    Fast tat er mir leid, doch fühlte ich mich zu gut, um neben ihm herzuschaukeln, also fuhr ich weiter. Schon bald erreichte ich die lange Zielgerade und Quasimodo gleichzeitig. Er hatte mich tatsächlich nicht bemerkt, denn als ich zum Überholen ansetzte schaute er mich entsetzt an. Dann warf er sich aus dem Sattel nach vorn, trat wie ein Irrer in die Pedale und wackelte davon. Doch nur ein paar Meter, dann setzte er sich wieder und japste. Ich fuhr mein Tempo weiter und tauchte schon bald erneut neben ihm auf. Das Spiel wiederholte sich noch zweimal. Ich hatte nicht vorgehabt, gegen ihn ein Wettrennen zu fahren, doch nun machte es mir Spaß, denn Quasimodo konnte es wohl nicht ertragen, überholt zu werden, obwohl auch er am Ende seiner Kräfte war. Kurz vor der Passhöhe trat ich an, jagte an ihm vorbei unter dem Jubel von vielen Motorradfahrern, die in einem Biergarten ihr Gebrautes hinunterschluckten. Ich schrie vergnügt „Erster“ und beklopfte das Passschild. Quasimodo würdigte mich keines Blickes, er wechselte die Straßenseite und fuhr davon. Wir waren gerettet!
    Der arme Kerl. Er würde nie erfahren, dass er nicht ganz fair geschlagen wurde, denn gegen des Maestros Gummibärchen war er natürlich chancenlos. Und ob Pauls Rad gut für die Bandscheibe ist, bleibt für ihn ein ewiges, ungeklärtes Rätsel…

  • Rad am Ring Teil 1

    Paul erzählt

    Was hat mich nur geritten, den Jungs vorzuschlagen, den 24-h-Höllen-Trip auf der Nürburgring-Nordschleife mitzumachen? Unsere körperliche Fitness kann es nicht gewesen sein, die lag in letzter Zeit eher in der Hängematte. Außer natürlich die von Sport-Fundamentalist Daniel. Doch darf ich erleichtert feststellen, dass wir auch dieses Abenteuer mehr oder weniger unbeschädigt überstanden und so dürft ihr in meiner neuesten Geschichte nun mit uns leiden, lachen und uns auch ein wenig bedauern. Und um das Ganze in einen Mantel des Besonderen zu hüllen, werden dieses Mal die drei Haupt-Protagonisten selbst zu Wort kommen um ihre Sicht der Dinge am Ring darzustellen.
    Daniel:
    Neuerdings sprüht Paul vor Ideen. Und nicht nur das! Seine Hirnausgeburten steigern sich qualitativ in direkter Proportionalität zum Bauchumfang seiner schwangeren Claudia. So entstand ungefähr im fünften Schwangerschafts-Monat der Plan, beim 24-h-Rennen am Ring teilzunehmen, um dem hormonellen Ausbrüchen von Claudia in Mitte des siebten Schwangerschafts-Monates für ein paar Tage zu entfliehen. Pauls Trainingszustand glich zwar eher dem des Faultiers Sid, und Johns Oberschenkel kannten als Belastung höchstens ein paar Sprünge auf der familieneigenen Hüpfburg, doch hoffte ich dank meiner eigenen Superform, das Team von den letzten Plätzen fernhalten zu können. Nur war da ja noch Hugo…
    John:
    Hugo erzählte uns beim Abend eine Woche vor dem Ringwochenende in der Kneipe beim Bier, dass wir uns um nichts kümmern müssten. Er würde dieses Mal die Planung übernehmen und auch für ein „richtig endgeiles“ (Zitat er selbst) Gefährt sorgen, in welchem wir auch pennen könnten. Aus schlechten Erfahrungen (siehe Kapitel 8) wird ja selbst unsere semi-intellektuelle Truppe klug und so ignorierten wir seine Angeberei und einigten uns auf meinen Dienstwagen, in welchen drei Räder plus deren Besitzer passten. Ja, nur drei, denn Hugo war nicht davon zu überzeugen, mit uns mitzufahren.
    „Ihr werdet schon sehen und Eure alte Ford-Möhre die Fuchsröhre runterjagen, wenn ich mit meinem Monsterschlitten da auftauche.“
    Sprach‘s, und verschwand für den Rest des Abends, worüber wir sehr erleichtert waren und endlich eine meterlange Liste anfertigten mit allem möglichen Schnickschnack, den drei Männer auf Rennrädern für ein Radwochenende so brauchen.
    Paul:
    Endlich ging es los! John holte Daniel und mich ab, natürlich wie immer 20 Minuten zu spät. Wir froren uns im Regen und bei 12 Grad sommerlicher Temperaturen den Arsch ab, glücklicherweise hatte ich in Koffer 7 die Regenjacken ganz obenauf gepackt. John erlitt zunächst ein paar Herzinfarkte, als er unseren Gepäckberg erblickte, doch erholte er sich schnell, als wir ihm sagten, dass wir uns nicht nur am Benzin, sondern auch am Verschleiß des von seinem Arbeitgeber bezahlten Dienstwagen beteiligen würden. Mit Hilfe einiger Nachbarn im Schrankformat schafften wir es, den ganzen Kram ins Auto zu pressen und auf ging es gen Nürburgring.
    Daniel:
    Der strömende Regen trübte unsere Laune gewaltig, nur John freute sich, hatte er doch so eine Ausrede um auf der Autobahn Tempo 50 als Höchstgeschwindigkeit zu wählen und eine Menge Benzin zu sparen. Zum Glück wurde es irgendwann besser und ich überzeugte John mit dem Argument, sonst vor lauter Langeweile sein Auto zu demolieren, ein Tempo im unteren, dreistelligen Bereich zu wählen. So erreichten wir den Ring tatsächlich noch am selben Abend. Derweil hörten wir von Hugo – Nichts!
    John:
    Zwar war mir Daniel unterwegs mächtig auf den Zeiger gegangen und ich rechnete im Stillen bereits den Verlust der Jagerei durch, doch ging der ja am Ende durch drei, was mich ein wenig beruhigte. Am Ring angekommen suchten wir unsere Parzelle: AA017, irgendwo in der Nähe der Toiletten, wie Paul in der Kneipe meinte und betonte, dass dieser Umstand ihm sehr wichtig war. Da Paul in unserer Truppe den Job des Amateur-Hypochonders übernimmt schwante mir da schon Schlimmes und Daniel und ich planten im Stillen bereits ein paar Nachtrunden mehr ein, nämlich die von Paul, der sich mit Bauchkrämpfen, Knieschmerzen oder irrem Kopfweh in seinen Schlafsack verabschiedete.
    Wir fanden die Parzelle ohne Probleme. Neben uns hatten sich unsere Herren Nachbarn bereits auf ihrem Stellplatz breitgemacht. Wir staunten nicht schlecht: Neben zwei niegelnagelneuen Mercedes-Vans prangerte ein Glaspavillion, davor 8 Tacx-Radtrainer mit riesigen Bildschirmen davor und darauf die gleiche Anzahl von sündhaft teuren Carbonrennern. Zwei Boxenluder in knappen Minis turnten dazwischen herum und schienen ausschließlich der Optik zu dienen, während ein Kerl in Weiß mit gleichfarbiger Mütze wohl eine Art Koch darstellte. Dazu passten die verführerischen Gerüche, welche unsere ausgehungerten Mägen dazu brachten, Ihren Gelüsten lautstark Ausdruck zu verleihen.
    Paul:
    Gerade als ich mich aus Johns Ford quälte traten zwei Kerle aus dem Glaskasten und bauten sich vor mir auf:
    „Na, was ist das denn für ein müder, ärmlicher Verein.“, quäkte der erste mit einer Fistelstimme, die mein Ohr veranlasste, mir seine Meinung mit schmerzhaften Stichen kundzutun.
    „Ich hab‘s Dir doch gesagt“, antwortete der Zweite und gähnte. „All dies Volk südlich von Hamburg Hafencity sollte man hier gar nicht zulassen.“
    Daniel hätte es zwar vorgezogen, sein cholerisches Innere auf die beiden Arroganzlinge zu hetzen, doch bat ich ihn, die Energie lieber in den Aufbau unserer Zelte zu investieren. Als wir die schon ziemlich gebrauchten Ersatzhütten ans Tageslicht holten, erscholl lautes Gelächter von Seiten der Neureichen, die inzwischen auf die volle Stärke von vier Jünglingen angewachsen war.
    „Hahaha, was holen die denn da raus. Ich weiß gar nicht so genau, wie man die Dinger nennt, wisst ihr das?“, meinte der Erste.
    „Keine Ahnung, ich meine nur, dass mein Vater sie mal für unsere Sklaven hingestellt hat.“, zuckte der Zweite mit den Schultern.
    „Ich hab so was noch nie gesehen, seit ich von meinem Vater die Eigentumswohnung in der Hafencity bekommen habe.“, kicherte der Dritte.
    Der Vierte sah sich unser Gepäck aus der Nähe an, rümpfte die Nase und sagte:
    „Man nennt das ‚Zelte‘, mein Vater ist Historiker und hat mir das mal erzählt. Jaja, die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher – und das ist gut so!“
    Gröhlend verzogen sie sich in ihren Glaskasten und schäkerten mit ihren Boxenludern.
    John:
    Im Gegensatz zu meinen beiden Kumpels, deren Pulsschlag und Wutpegel sich der bedrohlichen Grenze näherte, kümmerte mich das Gelaber dieser Reichensöhnchen weniger, ich freute mich schon auf das Zelten und griff mir das erste Gestänge. Wie gern hatte ich als Jugendlicher gezeltet. Doch dann kam der große Regen!
    Daniel:
    Wie aus dem Nichts peitschte uns das Wasser von allen Seiten und von oben ins Gesicht, der Wind pfiff in höherem Tempo um die Ohren, als Kamikaze-John eine Passabfahrt hinunterrast. Blitze erhellten das inzwischen dunkle Fahrerlager und so flüchteten Paul und ich in Johns alten Ford. Er selbst folgte etwas später, erst mussten die Zelte wieder gut verstaut werden.
    „Wird wohl nichts mit Zelten.“, heulte er herum.
    Paul:
    Nun begann der vergnügliche Teil des Abends! Wir saßen eingepfercht wie Mastschweine in Johns Ford, froren so langsam und sorgten in Sekundenschnelle für beschlagene Scheiben. Doch diese konnten nicht verhindern, dass wir mitbekamen, was draußen ablief. Der Koch und die beiden Boxenluder schleppten den ersten Tacx-Rollentrainer in den Mercedes, als ein lautes Krachen das Ende des Glaskastens bedeutete, in welchem unsere vier Hamburger hockten und auf ihren vergoldeten I-Phones herumhämmerten. Das Geschrei war groß und die Flucht überstürzt, die Boxenluder nebst Koch durften nun auch noch den Rest aufräumen. Vielleicht sind so die „Miss-Wet-Shirt“-Veranstaltungen entstanden, wie wir durch unsere Gucklöcher in der beschlagenen Scheibe begeistert feststellen durften. Die verbliebenen 7 Rollentrainer waren inzwischen ineinander geflogen und hatten sich so sehr verkeilt, dass ich bezweifelte, ob sie auch nur einen einzigen Hamburger glücklich machen würden.
    Doch dann erhellte ein grelles Licht den gesamten Platz. Vielmehr handelte es sich um 8 Lichter. Alles starrte gebannt auf das riesige Gefährt, zu welchem diese mächtigen Scheinwerfer gehörten. Ein Monster von Wohnwagen befuhr den Platz und hielt – auf unserer Parzelle! Mit einem leisen Summen sank die Fahrerscheibe hinab und wir blickten in das grinsende Gesicht von Hugo!
    John:
    Hugo winkte uns fröhlich zu und machte eine einladende Geste. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, wir sprangen aus dem Ford und rannten hinüber. Noch immer etwas nass und völlig durchfroren standen wir zitternd in einer Art Vorraum, in welchem uns König Hugo empfing.
    „Gibt hier zwei Duschen, einer von Euch muss sich noch etwas gedulden. Danach wird gegrillt!“
    Paul und Daniel verschwanden in den Duschkabinen, während ich mir Hugos Gesabbel anhörte, was das Ding alles konnte: Pool auf dem Dach, vier Schlafzimmer, geräumige Küche mit allem Schnickschnack, prall gefülltem Kühlschrank, ja sogar einen Trainingsraum mit ein paar Geräten gab es. Nur das hinterste Kämmerchen öffnete er nicht.
    „Geheimnis, erfahrt ihr erst am Sonntag!“, meinte er lächelnd.
    „Wo hast Du das Ding her?“, fragte ich staunend.
    „Nur so viel: Wir haben einen Sponsor. Doch auch das erfahrt ihr erst am Sonntag nach dem Rennen!“
    Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen!
    Daniel:
    Die Nacht war kurz, doch schlief ich großartig auf dieser sündhaft teuren Matratze. Wie mochte es wohl unseren armen Hamburgern in ihren vollbepackten Vans ergangen sein? Da ich vor dem 24-h-Rennen noch den morgendlichen Halbmarathon (Run am Ring – sehr zu empfehlen für Leser, die auch gern mal aufs Laufen ausweichen!) laufen wollte, schnarchte noch alles, als ich aufstand. Anderthalb Stunden später war auch das erledigt und wir widmeten uns Hugos reichlich gefülltem Kühlschrank, der keine Wünsche offenließ.
    Der Vormittag zog sich hin und ich brannte auf unseren Start. Inzwischen hatte sich auch die Sonne zu uns gesellt und trocknete in atemberaubenden Tempo die Strecke ab. Wir saßen draußen auf Liegestühlen und beobachteten den Koch, der versuchte, den Glaskasten zu reparieren, während die Boxenluder rätselten, wie man Rühreier kocht, um die Hamburger Jungs zu füttern.
    „Wollt ihr mit uns frühstücken?“, rief ich herüber und wies auf unsere überquellenden Futtertafel. Ich erhielt ein vierstimmiges Knurren als Antwort.
    Hugo hängte derweil an die der Rennstrecke zugewandten Seite des Monsterwohnwagens ein paar Blutbeutel und Nadeln.
    „Falls wir die zwischendurch brauchen.“, grinste er. „Gummibärchen sind im Wagen hinten rechts.“
    Paul:
    Die Startrunde fuhr natürlich ich, schließlich war ich hier der Chef und ohne mich wären die Jungs gar nicht am Ring. Hinter mir stand der Hamburger Starter und putzte an seinem blankgewienerten Carbonrad herum. Ich staunte, dass er selber fuhr und dies nicht der Koch für ihn erledigte.
    52 Minuten später wechselte ich auf John, 14 Sekunden vor dem Hamburger, und schrie:
    „Was für eine geile Runde, viel Spaß!“
    Und den nächsten Satz meine ich wirklich ernst: Jeder Rennradler sollte einmal diese Wahnsinnsstrecke unter die Räder nehmen! Das ständige Auf- und Ab, die breite, schlaglochfreie Fahrbahn, die langgezogenen Kurven, die enormen Steigungen und eine atemberaubende Landschaft verbindet die 26-km-Runde zu einem unvergesslichen Erlebnis. Doch ich wusste, ab Runde 2 wird es hart, und ob die Freude dann immer noch so groß sein würde, erfahrt ihr in Teil 2 der großen Rad-am Ring-Story.
    K.Beck zahlt den Monsterwohnwagen, Hugo den Achterbahnantrieb. Nachbarn Münchner Großkotzis und Rostocker mit altem Bulli
    Hugo kommt erst im Dunkeln mit 6 Schweinwerfern – alles hell! Großkotzis neidisch! (wir sind in der Mitte und Großkotzis haben unsere halbe Parzelle belegt!)
    Großkotzis leben von Papas Geld, Motto „Die Reichen werden immer reicher – die Armen immer ärmer – und das ist gut so!“

  • Rad am Ring Teil 2

    Paul erzählt

    Wer Teil 1 schon gelesen hat (und das sollte man, schließlich handelt es sich bei meinen Schriften um komplizierte und schwer zu verstehende Sachzusammenhänge!) ist nun aufgeklärt über das Drumherum am Ring. Doch nun wird es ernst, das Rennen hatte den Startschuss vernommen und ich eine traumhafte erste Runde hingelegt. Knapp vor den Hamburgern geblieben – das war das Wichtigste. Doch insgeheim hoffte ich, dass ich heute endlich einmal gegen Daniel einen Stich sehen würde, schließlich war der Hund am Morgen noch einen Halbmarathon gelaufen! Dummerweise war das auch die perfekte Ausrede, also würde es wohl wieder nichts mit meinem Triumph! Doch warten wir ab und hören zu…

    John:
    Ein wenig hatten wir uns am Morgen noch gestritten, wer Nummer 2 hinter Chef Paul sein durfte. Daniel stellte sich selbst wegen seines Laufes am Morgen auf Platz 4, doch Hugo und ich wollten unbedingt als Zweiter starten, gab das doch vielleicht die Chance (oder den Fluch), am Sonntag zum Ende noch einmal nach Paul eine zusätzliche Runde zu fahren. Wir knobelten „Stein-Schere-Papier“ nach Best of seven und natürlich gewann Hugo: Viermal! Seine Runde nahm er weniger ernst! Zwar konnte er danach die Getränkeliste der Raststelle auf der Hohen Acht (der Gipfel der Nürburgringrunde mit einem Steilstück von 17 Prozent und damit der Killer vieler untrainierter Oberschenkel) auswendig plappern und auch ein paar „Unterwegs-Fotos“ von der Nürburg vorweisen, seiner Rundenzeit tat das aber weniger gut und wir wechselten nach einer Wartezeit von einer Stunde und ein paar Sekunden. Die Hamburger lachten, doch Hugo scherte das wenig und er fragte freundlich, ob sich einer der Jungs einen Rollentrainer ausleihen möchte, schließlich hätten sie ja nur einen und das ginge ihm wirklich sehr zu Herzen.
    Leider bekam ich das Gesicht der Hamburger nicht mit, denn ich raste bereits die Hatzenbach-Abfahrt hinunter. Bei nächsten Hügel überholte mich ein unverschämter Jüngling und meinte, er sei ganz erstaunt, dass es solch alte Räder überhaupt noch gibt und ob es wirklich eine ganze Runde durchhielt. Ich knurrte nur und zeigte es ihm in der Fuchsröhre, als ich mit Tempo 96 an seiner wackligen Carbonmöhre vorbeischoss. Und da ging noch mehr!
    Paul:
    Daniel hockte derweil auf unserer Parzelle, pfiff sich noch ein paar Leckereien hinters Sixpack und brannte auf seinen Einsatz. John würde seine Sache zwar ernster nehmen als unser Wohnwagenfreund Hugo, doch waren keine besonderen Rundenzeiten zu erwarten. Doch weit unter einer Stunde kam er angerast und wechselte fliegend mit Daniel unsere Transponderflasche. Wir hatten den Rundenzähler an einer Trinkflasche befestigt und übergaben diese im Fahren. Daniel war auf und davon und wie wir ihn kannten auf Bestzeitkurs und auf verbissener Jagd nach den inzwischen weit vor uns liegenden Hamburgern: Nach 48 unfassbaren Minuten rauschte er zum Wechsel und meinereins versuchte sich an Runde 2.
    Daniel:
    Schade, dass ich nicht wie Hugo eine Kamera eingesteckt hatte, zu gern hätte ich Pauls zerknautschtes Gesicht festgehalten, als er meine Zeit stoppte. Der Arme, immer wieder glaubt er vergeblich, mich schlagen zu können. Inzwischen hatte Hugo direkt an der Parzellengrenze einen Pavillon in roten Farben aufgebaut mit einem großen Hannover96-Banner und dem Spruch: „Der wahre HSV“. Daneben stellte er den riesigen Flachbildschirm aus dem schier unerschöpflichen Reservoir des Wohnwagens, stellte die Lautstärke auf Maximal und ließ somit auch unsere Nachbarn das Spiel Hamburg gegen 96 genießen, Zwischenstand 1:5. Zwischendurch fragte er immer besorgt, ob sie auch nachts fahren würden, schließlich seien sie ja sicher noch müde so ohne Kuschelbett, hungrig so ohne Koch am Herd und unglücklich so ohne Papa.
    Derweil tauchte Paul wieder auf, gerade als 96 das 1:6 schoss hatte er die Hamburger wieder eingeholt und wechselte auf Hugo. So war zumindest sein Plan, denn Hugo stand noch in Badelatschen da und maulte, dass das Spiel noch 4 Minuten liefe und längst nicht entschieden sei, 5 Tore seien schnell gefallen. Erst nach einem Tritt in den Hintern und dem Versprechen, dass wir ihm unterwegs eine SMS mit dem Endergebnis schicken würden konnten wir ihn überreden, seine Radschuhe anzuziehen und sich auf seinen Renner zu schwingen. Die Hamburger lachten und waren wieder auf und davon.
    John
    Ich begann, den Ring zu mögen. Es war wie immer: Daniel war unschlagbar, Hugo nervte – diesmal zum Glück nicht uns – nur Paul zeigte sich erstaunlich gesund, gewöhnlich zwickte ihn immer irgendwas und er wurde nicht müde, uns die ewige Leier von seinem hypochondrischen Dauerpech zu erzählen. Wahrscheinlich hatten die Hamburger ihn ganz vergessen lassen, nach Gebrechen zu horchen.
    Hugos Zeit war erstaunlich gut, er hatte trotz verpasster Abfahrt in der Fuchsröhre (er stoppte abrupt bei Tempo 87 und lehnte sein Rad an den Geschwindigkeitsmesser, um die Fußball-SMS von Daniel zu lesen) nur ein paar Minuten auf die Hamburger verloren. Ich konnte meine Zeit der ersten Runde wiederholen, so dass Daniel es erneut gelang, die Hamburger einzuholen, diesmal deutlich. Doch war dies nicht unser vorrangiges Problem, vielmehr bammelten wir ein wenig vor unserer ersten Nachtfahrt. Wir beschlossen, dass jeder zwei Runden hintereinander fahren sollte, damit ein wenig Schlaf möglich wurde. Paul fuhr noch seine Runde im Dämmerlicht und ausgerechnet Hugo schickte sich nun an, unseren 3-Minuten-Vorsprung vor den Hamburgern im Dunkeln zu verteidigen.
    Paul
    Ich hatte mich gerade aufs Ohr gelegt um meine Pause mit etwas Schlaf zu füllen, als ich durch lautes Gebrüll hochfuhr. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster und bemerkte, dass der Krach von unserer Nachbarparzelle stammte. Die Hamburger stritten sich mit einem Typen in irgendeiner Ordnertracht.
    „Hier wird nicht diskutiert, Hosen runter!“, brüllte der werte Herr gerade. Ich traute meinen Ohren nicht!
    „Das werde ich meinem Papa erzählen!“, kreischte einer der Hamburger.
    „Ich auch, und dann sind Sie Ihren Job hier los und verhungern elende!“, meinte ein Zweiter triumphierend.
    „Ist ehrenamtlich!“, brummte der Ordner unbeeindruckt. „Hosen runter!“
    „Wo ist die Kabine? Wir können doch nicht hier in aller Öffentlichkeit?“ heulte der Dritte, während der Vierte sich bereits fügte und in ein kleines Röhrchen pinkelte, sehr zur Belustigung einiger Hostessen, die gerade Daniel nach Hugo fragten und meinten, er hätte sie bestellt für die Abendgestaltung. Wir bedauerten sehr, dass unser lieber Freund gerade auf seiner zweiten Runde war, doch würden wir uns selbstverständlich gern ein Weilchen um sie kümmern. Das war der Moment, als ich beschloss, dass Schlaf überbewertet wird.
    Die Dopingkontrolle verlief in drei Fällen negativ, beim vierten Hamburger jedoch, der gerade seine Runde beginnen wollte, entdeckte der Kontrolleur Spuren von Kaviar!
    „Das ist ja unfassbar!“, fuhr der Kontrolleur schier aus der Haut. „In meiner ganzen ehrenamtlichen Karriere hab ich so viel Dreistigkeit noch nicht erlebt. Kaviar mit all seinen stimulierenden Wirkungen hat im Essen eines dopingfreien Sportlers nichts zu suchen!“
    „Und das haben sie in aller Öffentlichkeit gefuttert!“, sagte eine Stimme von der Rennstrecke. Hugo kam gerade von seiner zweiten Runde zurück und grinste übers ganze Gesicht. Die Hostessen halfen ihm vom Rad, während John sich panisch umzog, er hatte ganz vergessen, dass er dran war. Hugo hatte seine zweite Nachtrunde in 43 Minuten hingezaubert! 5 Minuten schneller als Daniels Bestzeit! Im Dunkeln!
    „Naja, ich wollte das hier nicht verpassen!“, grinste er, als er auf der Massageliege entspannte, welche die Hostessen mitgebracht hatten, um ihn ein wenig zu verwöhnen.
    „Wie, Du wusstest, was hier abgeht?“, fragte ich erstaunt.
    „Meinst Du, so ein Kontrolleur kommt hier einfach so vorbeispaziert? Da muss man schon ein wenig Informationen streuen! Ja, so ist gut, noch ein wenig weiter rechts bitte.“, feuerte er seine Masseuse an.
    Die Hamburger waren nun nur noch zu dritt, Nummer vier durfte nicht mehr fahren. Ihr Protest wurde abgeschmettert und ihr Hinweis auf Hugos Blutbeutel konterte der Kontrolleur mit dem Spruch, dass der Begriff „Blutbeutel“ auf keiner Dopingliste stünde und wo das Problem sei.
    John
    Meine Fuchsröhrenzeit war erbärmlich! Dafür erlebte sie wohl den ersten Fahrer, der lachend auf ihr heruntertuckerte, ich hatte mich noch nicht beruhigt. Die halbe Runde Vorsprung, die wir nun auf die Hamburger hatten, würde selbst ich nicht versauen, und so genoss ich die Nacht. Es war sternenklar und ich appelliere an alle Leser, dass sie sich wenigstens einmal im Leben bei diesem Rennen anmelden müssen, um das zu erleben. Meine Angst vor der Nachtsession verflog, ich raste immer irgendeinem roten Licht hinterher, und wenn es auf einmal nach rechts oder links verschwand wusste ich, dass dort eine Kurve kommen musste. Im Nu waren meine beiden Runden Geschichte und ich schickte Daniel und dieser dann Paul in die Dunkelheit.
    Hugo lag auf seiner Massageliege und schnarchte, im Arm eine Hostesse, während die anderen drei auf uns warteten. Ich ließ mich von einer hübschen Brünetten in den Schlaf massieren und träumte von meinem Tacho, der 101 km/h an der Fuchsröhre anzeigte.
    Daniel
    Am nächsten Morgen fiel mir das Aufstehen schwer. Die Nachtrunden hatten Spaß gemacht, auf der Parzelle neben uns herrschte Ruhe, denn den Hamburger Weicheiern war nach ihrem schweren Dopingvergehen die Lust am Weiterfahren vergangen und sie träumten in ihren Mercedes-Bullies von einer Guillotine und uns auf der Anklagebank. Doch am Morgen spürte ich die vier Runden in den Beinen und die Motivation lag irgendwo um den Gefrierpunkt. Doch es half nichts, als Hugo irgendwann auftauchte – jetzt wieder mit gewohnt hoher Rundenzeit – schwang ich mich auf meinen Renner und legte los. Und mit der Sonne über der Nürburg kehrte meine Lust mit Schwung zurück in die Beine.
    Wir schafften insgesamt bis zum Mittag 26 Runden. Auch 27 wären noch drin gewesen – John hatte mit Hugo getauscht und als Letzter eine Toprunde hingelegt , dabei tatsächlich die 100 km/h in der Fuchsröhre geknackt und vor der Schwarz-weiß-karierten Flagge die Ziellinie überfahren – doch Hugo war schon duschen und meinte, er hätte jetzt keine Zeit für diese alberne Radlerei, es gäbe Wichtigeres zu tun. Doch übergebe ich für diesen Schlussakt das Wort an unseren Chef, sonst ist er wieder sauer und redet 3 Tage nicht mehr mit mir.
    Paul
    Richtig so, doch sauer war ich trotzdem – auf Hugo! Eine Runde mehr hätte die Top 100 bedeutet, so mussten wir uns mit Platz 106 begnügen. Doch verzieh ich ihm im Nachhinein – und das sogar gern! Denn er sorgte für einen unvergesslichen Höhepunkt.
    „Nun verrate uns aber wenigstens, wie wir an dieses tolle Wohnwagenmonster gekommen sind!“, meinte John, als wir gerade aufgegeben hatten, Hugo von einer weiteren Runde zu überzeugen.
    „Gemach, gemach!“, antwortete Hugo und man merkte ihm erstmals an, dass er etwas nervös war. Er kramte in dem geheimnisvollen, hinteren Teil des Wohnwagens herum und zog einen Anzug heraus! Mit Krawatte!
    „Was soll das denn jetzt?“, staunte Daniel, doch erhielt auch er keine Antwort. Hugo meinte nur, wir sollen in Ruhe einpacken, und zwar in unser Auto. Der Wohnwagen bliebe nämlich hier. Danach sollten wir rüber zur Siegerehrung kommen.
    Fragend sahen wir uns an, doch was blieb uns anderes übrig? Wir duschten in Ruhe, packten ein und begaben uns auf dem Weg zur Start- und Zielgeraden, auf welcher das Zeremoniell stattfinden sollte.
    Mit großem Trara und Tammtamm zappelte eine Band auf einer riesi-gen Bühne, als ein Sprecher ankündigte, dass der Big Boss höchstper-sönlich heute die Schlussrede halten würde. Wir verstanden kein Wort und die Reaktion der Umstehenden war ähnlich – es herrschte Ruhe. Sekunden später tappelte ein dicker Bär auf die Bühne und stellte sich ans Mikrofon. Ich erkannte den Kurt Beck nicht sofort, doch dank der vielen Buhrufe der ersten Reihen wussten wir, dass er es sein musste. Kurti war jedoch Politiker und so ordnete er die Buhrufe der Kategorie „Jubelsturm“ ein, hob dankend beide Hände, strahlte und rief ins Mik-rofon, dass wir toll seien. Die Buhrufe verstärkten sich, als Kurti mit seiner Rede begann, die wir hier nicht wiedergeben, da wir sonst nicht hoffen dürfen, dass der Leser www.paulblaes.de je wieder besucht. Nur das Ende fassen wir in eigenen Worten zusammen:
    „… und so darf ich heute berichten, dass der Ring ein großer Erfolg für alle ist: Für die Region und mich, für den Veranstalter und mich, für das Land und vor allem für mich. Und als ob das noch nicht genug ist, wird das Ganze heute noch getoppt, denn dank eines jungen Mannes mit viel Herzblut und natürlich mir selbst darf ich verkünden, dass die Ringachterbahn ab sofort eröffnet gilt.“
    Wir trauten unseren Ohren nicht. Das verrottete Ding, welches gefühlte 30 Jahre stillstand, sollte doch noch funktionieren? Und auch unseren Augen konnten wir nicht glauben, als sie uns zeigten, wie Hugo auf die Bühne trat und vom Kurti die Hände geschüttelt bekam. Hugo griff sich das Mikrofon und erzählte, dass er die Bahn gern hat reparieren lassen für den Kurti, denn der Kurti ist ein toller Freund und darf deshalb die Achterbahn als Erster ausprobieren. Der Kurti erblasste ein wenig, doch als Hugo ihm sagte, dass die Achterbahn nur im halben Tempo fahren würde und man zwei Wagen so präpariert hätte, dass sie einen Großen ergaben und der Kurti mit etwas Mut hineinpassen würde, gab er sich einen Stoß und stieg ein. Die Buhrufe verwandelten sich tatsächlich in Jubler, was Kurti allerdings nicht bemerkte, da er wie schon erwähnt den Unterschied nicht kannte.
    Hugo zählte einen Countdown herunter und als er die Null herausschrie, erbebte die Erde und erlebte die zweite Geburtsstunde der Ringachterbahn. Alles starrte gebannt auf die ersten zwei Wagen, in welchen sich Kurti ängstlich in seinen XXL-Sitz klammerte und trotzdem Politiker-like lächelte. Sie bewegten sich – langsam zwar ob des schweren Gewichtes, doch war die Fortbewegung nicht zu leugnen – die Bahn funktionierte! Sie beschleunigte und Kurtis Gesicht verzerrte sich in den ersten Kurven, doch er hielt sich tapfer. Plötzlich, als die Bahn an ihrer höchsten Stelle angelangt war, ertönte ein lauter Knall. Kurtis Wagen blieben abrupt stehen. Stille. Bis eine uns wohlbekannte Stimme ins Mikrofon sprach:
    „Liebes Publikum. Was Rheinland Pfalz trotz Misstrauensantrag nicht geschafft hat, das hat ihm nun sein eigenes Superprojekt eingebrockt. Unser Kurti schwebt irgendwo zwischen Himmel und Erde – und ihr seid ihn los.“
    Jubel erscholl, doch einen Moment später griff mir eine Hand an die Schulter und zog mich herum. Hugo zischte, wir sollten hier nun schleunigst verschwinden und nie wieder ein Wort von dem Wohnwagen erwähnen, denn er sei sich nicht sicher, ob sein etwas korpulenter Sponsor vielleicht ein wenig sauer wäre, wenn er je wieder von da oben herunterkommen würde. Wir rasten zu unserem Auto, Hugo fand Platz im Wagen seiner Hostessen und so verließen wir den vollkommen leergefegten Nürburgring. Noch lange hörten wir die Feier, die sich auf der Zielgeraden abspielte und am nächsten Tag lasen wir in der Bild-Zeitung die Schlagzeile:
    „Rheinland-Pfalz ist frei!“

    PS: Ob Kurti immernoch oben in der Achterbahn hockt, ist dem Autor nicht überliefert…

  • Rennradlernachwuchs

    Daniel erzählt

    In letzter Zeit wirkt Paul von Tag zu Tag mürrischer. Schon am Ring jammerte er uns die Ohren voll, dass dies wohl seine letzte Teilnahme an einem Radrennen für die nächsten 10 Jahre sein würde. Denn in zwei Monaten beginnt das Tränental seines Lebens: Er wird Vater!
    Claudias Bauchumfang vergrößerte sich schneller als der von Paul zur Weihnachtszeit, nur mit dem Unterschied, dass die Reduzierung auf das Normalmaß auch ohne stundenlanges G1-Gefahre funktionieren soll. So erzählte es zumindest Claudias Personal Trainerin, neudeutsch Gynäkologin genannt. Paul dagegen erwischen wir immer häufiger, dass er seinem Rennrad gängige Partysongs – wie Mozarts „Requiem“ oder „Das Lied vom Tod“ vorsingt.
    „Muss ich ja bald eh machen, jeden Tag singen, kann ich schon mal üben“, jaulte er eines Abends in der Stammkneipe. „Und dass ich hier mit euch Jungs herumhänge, hat sich auch bald erledigt.“
    John nickte nur verständnisvoll, doch freute er sich innerlich, endlich würde es jemanden in unserer Radtruppe geben, der seine Familienprobleme ernstnimmt. Ich dagegen ahnte, dass dies das Ende unserer Freundschaft bedeuten würde, denn noch so einen Familienpapa wäre nicht auszuhalten. Ich musste dagegen etwas tun!
    „Quatsch keinen Blödsinn!“, klopfte ich ihm aufmunternd auf die Schulter. „Claudia wollte so einen Schreihals, nun muss sie auch zusehen, wie sie damit klarkommt. Sei doch froh, sie ist dann dauerbeschäftigt und achtet nicht mehr so auch Dich – mehr Zeit fürs Rennrad!“
    Von John erntete ich einen Blick der Marke „Du ahnungsloser Wicht“, während Paul irgendwas von „Du kennst Claudia nicht“ faselte.
    „Du kannst den Kleinen ja auch im Rucksack mitnehmen, mit Gepäck ist der Trainingseffekt höher!“ schlug ich vor.
    Diesmal ging Johns Blick in Richtung „Du bist nicht nur ahnungslos, sondern auch noch dämlich“, und Paul antwortete leise „Kinder dürfen nicht in Rucksäcke, ist verboten, könnten ersticken!“ Ich verzichtete darauf, zu bemerken, dass ich an diese geniale Lösung noch gar nicht gedacht hatte und versuchte mein letztes Mittel:
    „Ich bezahl Euch nen Babysitter, dann hast Du immer Zeit fürs Training.“
    John horchte auf und fragte, ob das Angebot auch für ihn gelte und ob er das Geld auch einfach nur so haben könnte, ohne es gierigen Babysittern in den Rachen schieben zu müssen. Ich erinnerte ihn an die vielen Biere, welche ich ihm spendiert hatte und dass das heutige aufgrund dieser Frage auf seine Rechnung ging, was ihn die Laune für den ganzen Abend verdarb. Paul dagegen war auch mit diesem großzügigen Angebot nicht aus seiner Lethargie zu treiben:
    „Claudia will selbst erziehen! Was gleichbedeutend ist mit ‚Wir wollen selbst erziehen!'“
    Ich gab auf! Und wusste, dass ich solch trauriges Schicksal in meinem Leben niemals einziehen lassen würde. Ich kaufte noch am selben Abend eine Zusatzpackung Kondome und verbrachte die halbe Nacht im Internet, um mich über Sterilisation zu informieren.
    Unerwarteterweise kam Hilfe aus einer völlig unerwarteten Richtung: Claudia höchstpersönlich griff mir unter die Arme. Natürlich nicht freiwillig und schon gar nicht, um mir einen Gefallen zu tun, sondern eher aus purem Egoismus. Sie wollte unbedingt – warum auch immer – das Paul ihre Vorfreude auf den Schreihals teilte. Dafür opferte sie sogar – natürlich nur vorübergehend – ihre Herrschaft in der Familie.
    „Paul“, flötete sie eines Tages. „Freust Du Dich auch schon so sehr wie ich auf Deinen Sohn? In gut zwei Monaten ist es soweit.“
    „Du meinst, mein Leben ist dann zu Ende!“, antwortet die Jammer-Gebetsmühle Paul. „Und wieso überhaupt Sohn, es wird ein Mädchen, ich weiß es!“
    „Und woher weißt Du das so genau?“
    „Männliche Intuition, noch dazu die eines Rennradlers. Täuscht nie, ist hormonell bedingt, kannst Du nichts dagegen machen.“ Für einen kleinen Moment stach ein wenig Stolz aus Pauls Trauermiene.
    „Nun, ich bin absolut Deiner Meinung, aber dieses Mal irren sich Deine Wahrsagerhormone“, meinte Claudia beiläufig und begann, das neuen Kinderzimmer blau anzustreichen.
    „Was soll das heißen?“
    „Nun, ich wollte mich lieber überraschen lassen. Aber da Du wie ein Trauerkloß hier herumrennst habe ich einen Test machen lassen: Es wird ein Junge!“
    Paul hob den Kopf und Claudia hoffte für einen kurzen Moment auf einen Freudenschrei. Doch der blieb aus und Paul sank wieder in sich zusammen und murmelte:
    „Schreihals ist Schreihals – wo ist der nächste Rennradfriedhof?“
    „Paul! Es wird ein Junge! Und wenn Du irgendwann Dein Hirn wiederentdeckst, wird es Dir vielleicht verraten, dass aus so einem Jungen auch ein großer Radstar werden kann!“
    Eine Regung erschien auf Pauls Gesicht. Anfangs nur leicht, ein kaum merkliches Zucken! Claudia sah, wie es in ihm arbeitete. Da, der Mundwinkel bewegte sich und Leben kam in Pauls Mimik. Er sprang auf, rannte dreimal um sein Rennrad und schrie plötzlich:
    „Ja!“
    Und dann noch einmal:
    „Ja! Das ist es! Ein Junge! Und der wird Rennradler, so wie ich!“
    Er stoppte seinen Rennradlauf, völlig außer Atem.
    „Wie ernährst Du Dich?“, fragte Paul plötzlich.
    „Hä?“
    „Was isst Du den ganzen Tag?“
    „Äh… na… Brötchen, Pizza, Schokolade… und mal einen Salat“, erwiderte Claudia misstrauisch.
    Paul sah sie entsetzt an!
    „Bist Du verrückt? Du kannst doch nicht diesen ganzen Kram in Dich hineinstopfen, so schafft der kleine Paul nicht mal den nächsten Hügel!“
    Claudia wagte nicht zu sprechen.
    „Ich nehme das jetzt in die Hand! Ich merke schon, wenn Du erziehst, wird das nichts! Also, Dein Speiseplan bis zur Geburt: Morgens ein kräftiges Müsli. Mit viel Trockenfrüchten. Mittags Pasta. Aber nicht zu viel Sauce! Wenn Du zwischendurch Hunger bekommst, schiebst Du Dir ein Powergel rein…“
    „Ein Was?“, fragte Claudia verwirrt.
    „Frau, weißt Du nicht einmal, was ein Powergel ist? Und sowas will die Mutter des kommenden Jan Ullrich sein! Unfassbar! Also, zwischendurch ein Powergel, ich zeig Dir nachher wo sie liegen. Und abends Brot, aber nicht viel, dazu ein bisschen leichte Kost. Und Finger weg von den Süßigkeiten!“
    Claudia bereute inzwischen zutiefst ihre Rennradleridee…
    Einige Tage später, Claudia kaute gerade mäßig begeistert an einem Müsliriegel, sprang Paul plötzlich aus seinem Sessel.
    „Mensch, nur gesunde Ernährung reicht nicht!“, rief er und sah Claudia an als hätte er soeben Einsteins Relativitätstheorie widerlegt. „Der Junge braucht auch emotionalen Input!“
    „Emotionalen Input!“, echote Claudia, nichts Gutes ahnend.
    „Ja! Und toll, dass Du meiner Meinung bist!“, meinte Paul und Sekunden später fiel die Wohnungstür ohne weitere Erklärung ins Schloss.
    Claudia zweifelte zwar stark, dass Pauls Meinung der ihren entsprach, aber sie blieb ruhig sitzen und kämpfte weiter unverdrossen an dem Riegel. Minuten später klapperte Paul wieder herein, in den Händen trug er einen Stapel uralter VHS-Bänder.
    „Super Idee, oder?“
    Claudia sah ihn fragend an.
    „Na, das sind Radvideos! Originale Tour-de-France-Etappen! Von 1997!“
    „1997. Und? Was war da?“
    „Mein Gott, Claudia, hast Du überhaupt keine Allgemeinbildung? Das Jahr, in welchem der Ulle… ach was rede ich, sieh es Dir selbst an. Und zwar ab sofort jeden Tag eine Etappe in voller Länge und Lautstärke!“
    „Das würde ich liebend gern“, antwortete Claudia und bewunderte sich selbst, dass sie lügen konnte ohne Anflug eines schlechten Gewissens. „Nur womit? Im DVD-Player?“
    Paul starrte auf die Gerätschaften unter dem riesigen Flat-TV.
    „Wo ist der Videorecorder?“ stammelte er entsetzt.
    „Vor vielen Jahren entsorgt! Könnte kurz nach 1997 gewesen sein! Von Dir selbst, ich erinnere mich noch genau an die Worte ‚Wir brauchen unbedingt einen sündhaft teuren DVD-Recorder‘ und danach war ein Monatslohn weg.“
    Paul brummte nur, legte den Stapel VHS-Kasetten auf den Tisch ab und überlegte. Und noch ehe Claudia den letzten Brocken Müsli-Riegel in sich stopfen konnte, war er erneut verschwunden.
    Dieses Mal dauerte es erheblich länger – Claudia aß inzwischen ihren Abendsalat – als Paul endlich wieder auftauchte. Unter dem Arm schleppte er eine monströse Kiste.
    „Ein Videorecorder!“, brabbelte er missmutig, als er Claudias hochgezogene Augenbrauen bemerkte. „Aus den Achtzigern, sündhaft teuer das Ding, fast so sehr wie der DVD-Recorder damals. Sammlerstück, meinte der Verkäufer. Ob er noch funktioniert wusste er dagegen nicht so genau, aber er würde ihn zum halben Preis zurücknehmen!“
    „Wie bitte?“
    „Wird schon klappen! Gib mal eine her!“
    Paul schob die Kassette mit der Aufschrift „Prolog 1997 inklusive Vor- und Nachberichte in Longplay – 6 Stunden“ in den Schlund des Recorders. Der rasselte eine Weile, warf die Kassette noch dreimal aus, dann war aber tatsächlich das pixelige Bild auf dem Flat zu sehen.
    „Na also“, rief Paul hocherfreut. „Läuft doch! Für die Karriere meines Sohnes ist mir nichts zu teuer! Dir etwa?“
    Claudia ersparte sich eine Antwort und schaute die Aufnahme bis zum Schluss. Mitternacht war längst vorüber…

    Derweil erwachte Paul im ehelichen Bett – schweißgebadet und mit schreckgeweiteten Augen. Eine Weile später stieg er aus dem Bett, schlüpfte in seine Pantoffeln und watschelte rüber zu Claudia ins Wohnzimmer. Sie empfing ihn mit den Worten:
    „Interessant, so ein Radrennen. Die haben tolle Beine, diese Rennfahrer.“
    Doch Paul winkte nur ab. Er nahm Claudia die Fernbedienung aus der Hand, tippte auf „Stop“ und entnahm die Kassette.
    „Der kommt morgen wieder zurück zum Trödler.“
    „Was? Wieso das?“
    „Wird nichts mit den Aussichten für meinen Rennradlersohn. Ich habe geträumt, ein wahrer Albtraum. Der kleine Paul wird … Ballettänzer!“
    „Gott sei Dank“, dachte Claudia, „er ist wieder der Alte“.
    Mir ging es ähnlich, als ich davon erfuhr. Nur John blickte etwas traurig drein, doch als ich ihm das Geld für einen Babysitternachmittag gab, strahlte auch er wieder…