Leseproben

Lesen Sie hier das vollständige Vorwort sowie Auszüge aus den ersten drei Kapiteln der Rennrad-Satire „Gummibärchen auf die Dopingliste“. Viel Vergnügen!

  • Haupthelden

    In manchen Büchern werden an dieser Stelle die Haupthelden vorgestellt. Da die ersten Lügen nicht schon auf Seite 9 beginnen sollen, weigert sich mein Schreibgerät strikt, das Wort „Held“ im Zusammenhang mit mir selbst zu Papier zu bringen. Es schlägt mir dagegen Alternativen wie „Leidensgenossen“ (mitleidheischend), „Verlierer“ (bösartig), „Rodfohrer“ (sächsisch), „Kartoffeln“ (kulinarisch) oder vielleicht doch „Helden“ vor, Letzteres unter der Voraussetzung, es deutlich als Ironie auszuzeichnen. Doch lassen wir die Protagonisten lieber selbst zu Wort kommen, denn sie tun es auch narzisstisch im gesamten Buch:

    Daniel über Paul

    Was gibt es über Paul zu sagen? Die unangenehmste Eigenschaft vorweg: Er ist Pünktlichkeitsfanatiker und glaubt schon eine Minute nach verabredeter Zeit, dass er sich am falschen Ort befindet. Man kann seine Uhr danach stellen, bei exakt einer Minute Verspätung bimmelt das Handy und Paule fragt, wo man denn bliebe. Ausnahmen bilden natürlich die vielen Tage, an welchen er wegen mehr oder weniger eingebildeter Krankheiten absagt. Paul laboriert immer an einem Leiden irgendeiner Art. Und wenn er sich überraschend für gesund erklärt, geschieht unserem Pechvogel unterwegs ein Unglück. Oder zu Hause. In Form seiner Ehefrau Claudia. Warum er die geheiratet hat versteht sowieso kein Mensch, mal davon abgesehen, dass ein Mann mit einem Hauch Verstand sowieso niemals heiraten würde!
    Paul hat aber auch positive Seiten. Er ist der perfekte Organisator, auch wenn er uns mit seiner Pedanterie mitunter mächtig auf den Zeiger geht. Als Mädchen für alles ist er auch für die Küche zuständig, wenn wir Ausfahrten über Nacht oder komplette Radurlaube planen.
    Die beste Eigenschaft von Paul ist jedoch seine Naivität. Man kann ihn wunderbar mit den unglaublichsten Geschichten aufziehen, es ist immer wieder eine große Freude, wenn er irgendwann bemerkt, dass wir ihn nur geleimt haben. Aber das lest ihr besser selbst.

    John über Daniel

    Unser Daniel erfüllt wohl alle Klischees eines überzeugten Singles. Wahrscheinlich auch die, welche erst zu Klischees werden wollen. Das Wort „Heirat“ nimmt er höchstens (und auch dann nur widerwillig) in den Mund, wenn es nicht um ihn selbst geht. Daniel schwimmt im Geld, was ich kaum ertragen kann. Sein erstes Haus ist für ihn selbst, das zweite ein Fuhrpark für seine Autos und das dritte Heimat für Zweiräder aller Art. Wo er seine Frauenschar parkt, wissen wir nicht.
    Daniel ist der eigentliche Chef unserer Dreierfreundschaft. Paul führt zwar stets das große Wort und übernimmt die Planungen, die Entscheidungen aber, was wirklich gemacht wird, trifft Daniel. Widerworte duldet er nicht, sonst kann unser Frauenheld auch gern wütend werden. Selbiges geschieht, wenn er erfährt, dass es noch eine Sportart auf dieser Welt gibt, welche er noch nicht ausprobiert hat. Daniel hat schon alles gemacht, außer vielleicht Synchronschwimmen. Allerdings hat bei ihm leider der Teil seines Hirns, welcher für Technik zuständig ist, gekündigt oder wurde von seinen Hirngeschwistern hinterrücks ermordet. Eine Schraube zu wechseln oder gar ein ganzes Vorderrad wäre für ihn ein unüberwindliches Hindernis, wenn er es denn selbst täte, was ihm nie einfallen würde, denn wozu gibt’s Werkstätten? Ein Anruf und eine goldene Kreditkarte genügt…

    Paul über John

    John ist unser Familienmensch, der liebste Kerl, den die Welt je kennengelernt hat. Was uns tierisch ankotzt, denn obwohl er sein uraltes Rennrad abgöttisch liebt, versetzt er uns bei Ausfahrten regelmäßig, weil einer seiner Gören sich in den Kopf gesetzt hat, dass „Schaukeln im Garten mit Papa“ wichtiger sei!
    Wenn er aber doch mal Zeit hat, ist er mit Leib und Seele dabei. Bei schlechtem Wetter bastelt er stundenlang an seiner Rostrennlaube oder übernimmt gut bezahlte Aufträge von Daniel. Zu dessen großem Glück!
    John ist ein Kraftphänomen. Trotz Zwergengröße und – dank seiner Familienliebe – stetigem Trainingsrückstand von vielen tausend Kilometern ist John noch nie vom Rad gestiegen, egal wie groß wir die Runde auch wählten oder steil die Anstiege waren. Zum Verzweifeln, wenn man bedenkt, dass man selbst trainiert wie ein Wahnsinniger – gern auch heimlich! Mich tröstet dann nur die Ausrede, dass ich durch eine Krankheit geschwächt bin oder John das herausragende Talent besitzt, sich stets im Windschatten zu befinden!
    Nur eines bringt uns regelmäßig auf die Palme: John weint um jeden Cent! Wenn es irgendwo etwas zu bezahlen gibt und der Teufel will es, dass auch John mal an die Reihe kommt, dann starten Verhandlungsmarathons, welche schwieriger zu überstehen sind als die läppischen 42 Laufkilometer!

    Und dann wären da noch Hugo und der Maestro…

    … über die aber erst im Laufe der Erzählungen zu erfahren sein wird, der sehr geehrte Leser muss schon über Seite 30 hinauskommen, um die Beiden kennenzulernen!
    Tu es!
    Schließlich war das Buch teuer genug!

  • Womit alles begann…

    Paul erzählt

    Ich erzähle aus dem Jahr Zwei nach der Hochzeit mit Claudia, 2009 muss das gewesen sein. Anfangs lief unsere Ehe fantastisch. Ich stand unter einer Droge, irgendein bislang nicht nachweisbares Dopingmittel namens Ehe-Epo. Bei der Hausarbeit leistete ich schier Unglaubliches, und das freiwillig! Ohne Hintergedanken! Mit Freude! Sogar das Klo putzte ich und lächelte meinen Schatz dabei an, säuselte merkwürdige Dinge wie „Ist doch selbstverständlich“ und „Das ist keine Frauenarbeit“ oder „So soll es immer sein“. Sie schaute ab und zu mit mir Fußball, ich erklärte ihr dieses und jenes, ja, damals hatte ich sogar die irrige Vision, dass ich die Abseitsregel mit ihr diskutieren könnte. Bei der Tour de France hätte ich zum ersten Mal misstrauisch werden müssen: Sie bemerkte jedes Modegeschäft, welches durch die Kamera flitzte, wenn die Übertragung uns durch Ortschaften führte. Als dagegen der Ivan Basso am Tourmalet angriff, und ich aufgeregt aufsprang, schlief sie selig, denn dem Tourmalet zeigen die Lagerfeld-Geldpumpen die kalte Schulter.
    Wenn es mal nichts zu putzen gab oder kein Sport im Fernsehen lief trieben wir es miteinander, überall und jederzeit. Millionen von Kalorien verbrannten, in unserer Wohnung muss es gerochen haben wie an einem verglühenden Lagerfeuer. Das gesparte Geld für ein Fitnessstudio konnten wir in lebenswichtige Dinge aus dem Sexshop von nebenan investieren.
    Im darauffolgenden Jahr kaufte ich mir dann ersatzweise Laufschuhe!
    Die ersten 3-km-Runden kamen mir ewig vor, besonders dann, wenn ich von einer 55jährigen Dicken überholt wurde, was zu meiner Schande nicht nur einmal geschah. Doch mit der Zeit hatte ich den Dreh raus, und damit beginnt meine Geschichte, welche ich hier erzählen möchte:
    Ich parkte mein Auto direkt am Maschsee, Hannovers Sporttreffpunkt Nummer 1. Sonntags kommt es hier zu Massenaufläufen und häufig wird man mehr oder weniger freiwillig Zeuge verschiedenster menschlicher Konflikte, denn bekanntlich akzeptieren Bewegungsfanatiker nur Gleichgesinnte derselben Sportart. So fahren Rennradler Hunde über den Haufen, während spazierende Familien zu siebt nebeneinander flanieren müssen, damit ja kein Skater es wagt, zum Überholen anzusetzen. Da muss der Jogger aus vollem Lauf abbremsen, weil ein Trupp Ruderer gerade seelenruhig ein Boot quer über den Weg trägt. Und mittendrin grölt ein Haufen Halbstarker Sauf- und Fußballlieder auf dem Weg zu „96“, so dass zwei Rentner sich die Hände vor die Hörgeräte halten und ohne rot zu werden schwafeln, dass es so etwas früher nie gegeben hätte.
    Ich stieg an einem Dienstag-Mittag aus dem Auto, genoss die Ruhe, band mir die Laufschuhe um, raschelte durch das herbstliche Laub zum Startpunkt und lief los: Zwei Runden um den See bedeuteten 12 Kilometer: Neuer Rekord! Und das auf einem nach den letzten Regentagen völlig versumpften Weg. Nach dem dritten Steckenbleibem im Schlamm wechselte ich auf den nachbarlichen, asphaltierten Skaterweg. Kluge Entscheidung, hier gab es keinen Morast, nur riesige Pfützen. Als ich kalt lächelnd die erste durchlief und feststellte, dass der Grund viel tiefer lag als es mir beim heranlaufen erschien, beschloss ich, auf Slalomtraining umzusteigen. Das überforderte das Denkvermögen eines wahnsinnigen Rennradfahrers, der von hinten heranraste. Als ich wieder einen Schlenker in meine Laufübung einbaute, war er gerade auf gleicher Höhe und rammte meinen linken Arm. Wir schrien beide! Ich landete in der Pfütze, die ich gerade wenig heldenhaft umlaufen wollte. Er lag wie ein Maikäfer auf dem Rücken im Gras, sein Rad landete quer über ihm. Noch als mein Kopf unter Wasser steckte, hörte ich ihn fluchen, was sich in meinen Ohren unnatürlich langgezogen anhörte, wie eine zu langsam abgespielte Schallplatte. Die älteren Leser werden sich an solche Töne noch erinnern.
    Als ich auftauchte, verstand ich ihn, wenn auch nur akustisch. Zu meinem Erstaunen erklangen keine Schmerzensschreie, sondern nur: „Meine Zeit, meine Zeit! So ein Blödmann, meine gute Zeit!“
    Er stand schon, hob das Rad hoch und ließ es zweimal auf den Boden fallen um zu hören, ob irgendetwas klapperte. Dann schwang er sich auf den Sattel, ohne mich eines Blickes zu würdigen, schrie noch irgendetwas, dass sich nach „Arschloch“ anhörte und trat in die Pedale, als ob eine Herde Elefanten hinter ihm her wäre. Fassungslos starrte ich ihm hinterher, während langsam der Schmerz in meinem Arm spürbar wurde. Ich stellte fest, dass Rennradfahrer noch viel bescheuerter sein müssen als Jogger! Gott sei Dank, dass ich mir die richtige Sportart ausgesucht hatte.
    Eine Hand krallte sich um meine Schulter. Ich drehte mich und schaute in das Gesicht einer mäßig hübschen Mittdreißigerin in Laufschuhen und Schweißflecken unter den Achseln.
    „Geht’s Ihnen gut?“ säuselte sie. „Ich habe alles gesehen! Geht’s Ihnen gut?“
    Ich untersuchte meinen Arm und befand ihn für benutzbar. Ein paar herabhängende Hautfetzen sahen nicht so gut aus und ein Bluterguss kündigte sich an. Ich konnte den Arm heben und senken und drehen und schütteln, was vor allem wichtig war, um ihre Kralle von meiner Schulter zu entfernen.
    „Diese Rennradfahrer werden noch unser aller Tod sein!“ zwitscherte sie in einem Ton, der mich dazu brachte, Verständnis für alle Radler dieser Welt aufzubringen. Wie wurde ich dieses Sinnbild weiblicher Erotik nur wieder los?
    Mein rettender Engel nahte, man sollte es kaum glauben, auf zwei Rädern: Mein Kumpel Daniel! Unser Supersportler. Aktuell auf dem Triathlontrip. Radfahren gehörte bislang nicht zu seinem Repertoire, deshalb kaufte er sich ein solches Sportgerät. Ein Superteil, Vollkarbon, damals noch fast unerschwinglich, doch Geld gehörte zu Daniels geringsten Problemen dank gutem Erbe und cleverer Lebensführung: keine Frau auf Dauer, keine Kinder auf Lebenszeit. Für das Alter war vorgesorgt: Enkel, die ihm die Haare vom Kopfe fraßen, würden nie existieren. Der Traum eines jeden…

  • Erste Ausfahrt

    Daniel erzählt

    Verdammt, bin ich gut! Meine Werbeaktion war von Erfolg gekrönt, den Kerl nur einmal um den Lago di Masch* gelassen und schon hat er sich ein Rennrad gekauft. Ich hätte Radverkäufer werden sollen, wenn ich nicht schon genug Kohle besäße.
    Liebe Leser, ich darf hier ab und zu berichten, damit Pauls stark eingeschränkte Sichtweise nicht die Einzige bleibt, die Euch geboten wird. Und so greife ich zu einem meiner sündhaft teuren IPads, um euch von Pauls erster Ausfahrt zu erzählen.
    Ich freute mich über Pauls Radkauf, denn nun bestand die Chance, dass ich nicht mehr dauernd allein auf Tour gehen musste. Paul war zwar ständig krank – an irgendetwas litt der immer, ob er wirklich etwas ausbrütete oder es sich einbildete sei mal dahingestellt – ansonsten konnte man sich aber auf ihn verlassen. Er war das geringere Übel im Vergleich zu John, der entweder schlief oder arbeitete. Und wenn er doch einmal früher aus dem Büro kam, dann schob er die Familie vor. 3 Gören lungerten bei ihm zu Hause herum plus Frau! Der arme Kerl, könnte man meinen, aber Mitleid ist hier fehl am Platze, ihm gefiel das! Es erschien wie ein Wunder, dass John zusagte, als Paul ihn fragte, ob er uns auf seiner ersten Ausfahrt begleiten würde. Die Neugier (und der Neid?) auf Pauls neues Rad war stärker als die Familienliebe, denn John fuhr noch eine Krücke, die er sich wahrscheinlich vor der Wende irgendwo im Osten zusammengebastelt hatte als die Mauer noch stand, und John von der dunklen Seite drüberschielte.
    Zur Marienburg sollte es heute gehen. Unser nächstgelegenes Trainingshügelchen, welches uns zu ersten, jährlichen Höhenmetern verhilft, wenn die Beine noch schlaff und weiß sind. Leser aus den Alpengebieten würden fragen, wenn sie dort entlangführen, wo denn nun der Hügel sei. Gut gemeinter Rat meinerseits an euch: Einfach mal die Klappe halten, für die Ohren des gemeinen hannoverschen Rennradlers klingen solche Fragen ketzerisch. Er könnte sich leicht verspannen.
    Wir trafen uns am Südufer des Lago. Als ich ein paar Minuten vor abgemachter Zeit ankam, stand Paul bereits da und fummelte an seinem neuen Spielzeug herum. Paul, unser Pünktlichkeitsfanatiker, stets war er der Erste! Ich gönnte mir den kleinen Spaß und versteckte mich hinter einem Baum, um ihn zu beobachten. Dass John meine kleine Spionageaktion stören würde war nicht zu befürchten, John als das genaue Gegenteil von Paul erschien selten zur ausgemachten Zeit, was Paul in den Wahnsinn trieb.
    Noch 5 Minuten: Paul schaute das erste Mal auf die Uhr. Er fummelte nicht mehr, stand nur noch da und sein Gesicht wurde immer bleicher. Wieder Blick auf die Uhr, noch drei Minuten. Er kramte in der Tasche und zog sein Handy hervor: Uhrenvergleich! Als ob bei Paul eine Uhr falsch gehen würde! Kurz vor 10 wurden die nervösen Blicke hektischer! Er begann hin- und her zu trippeln, weil er unsicher wurde, ob er sich den richtigen Treffpunkt gemerkt hatte. Eine für ihn unerträgliche Vorstellung! Dann drehte er abrupt, lief mit lautem Klackern auf seinen neuen Schuhplatten zum Rad und begann wie wild auf sein Handy einzu-hacken. Ich holte meines heraus und wartete geduldig auf den Signalton, der jeden Moment ertönen musste. Richtig, kurze Zeit später erhielt ich eine SMS von Paul, wo wir blieben. Ist es nicht wunderbar, dass auf manche Dinge stets Verlass ist?
    Ich stieg aufs Rad und fuhr los, um Paul aus seiner Panik zu erlösen und begrüßte ihn mit den Worten:
    „Hey Paul, super, du bist ja auch pünktlich!“
    Gott sei Dank nimmt er es selten krumm, dass wir ihn gern ein wenig aufziehen und stolz präsentierte er mir sein neues Rad. Und plötzlich stand John neben uns, fing sich noch einen kurzen Strafblick von Paul ein, was ihn nicht weiter juckte, und los ging’s.
    Dachten wir! Die ersten Kilometer glichen eher dem Stop and Go auf der A2 am Freitagnachmittag, denn Paul kam noch nicht so recht mit seinen Klickpedalen klar. Bei jeder Ampel dauerte es seine Zeit, bis er den Einstieg in seine Stiefelhalter fand und wir das markante „Klack“ hörten. Doch schnell waren wir aus Hannover heraus und rollten fröhlich schwatzend gen Süden.
    Kaum war das Ortsausgangsschild passiert, blies unser besonderer Freund, der Gegenwind, mitten ins Gesicht. Dem gemeinen Radfahrer begegnet meistens diese besondere Rasse Wind, das schwächliche Brüderchen Rückenwind lässt sich leider nur selten blicken. John, unser Hinterrad-Klebe-Künstler, verschwand sofort unauffällig nach hinten. Er sollte vielleicht ein Buch veröffentlichen, wie er es immer wieder schaffte, sich vor der Arbeit zu drücken. Er nutzte Kurven oder Ampeln, um die Reihenfolge rechtzeitig so zu verändern, dass er wieder einmal davon kam. Auch Naseputzen oder Müsliriegelessen im richtigen Moment zählte zu seinem Repertoire. Ich kannte das ja schon, doch wir werden im Laufe dieses kleinen Ratgebers in Buchform sicher noch das eine oder andere Mal von Pauls cholerischen Anfällen berichten, der sich darüber so gern aufregte. Doch heute, bei seiner ersten Ausfahrt, durchschaute er dies Spiel noch nicht. Er hing etwas ungelenk über seinem ungewohnt schmalen Sattel, dass ich mich schon auf sein erstes Gejammer über Po-Weh-Weh freute, aber davon abgesehen genoss er es sichtlich.
    Paul und ich wechselten uns an der Spitze ab, was mir selbst nur recht war. Ich brauchte Training für den Triathlon, reine Bummelfahrten nützten da nicht viel, und Paul steckte an diesem Tag voller Endorphine. Wie es ihm gelungen war, das Rad als neues Familienmitglied einzuschleusen, erfuhren wir nie, wohl aber bekamen wir mit, dass es im Hause Blaes immer öfter krachte. So genoss der gute Paul heute seine Freiheit, und wenn er vorn fuhr, zog das Tempo so gehörig an, dass unserem untrainierter Familien-John auch die Lutscherei nichts mehr nutzte und er ab und zu „Langsaaaamer!“ brüllte.
    Natürlich sollte sich das rächen! Doch Geduld: Als wir an den Fuß der Marienburg kamen, ging es noch allen gut. Ich hatte extra die Anfahrt vom Süden gewählt, ich wusste, das Paul die Burg noch gar nicht kannte! Dieser Kulturbanause! Der Blick von dieser Seite auf die über uns thronende Burg ist atemberaubend …

    *Hannoveranisch für „Maschsee“

  • Reifenpanne

    John erzählt

    Samstag-Mittag im goldenen Herbst dieses Jahres: Ich saß mit meiner Familie und ein paar Freunden meiner Frau im Garten. Man sollte es nicht für möglich halten: Wir grillten! Die wärmende Sonne ließ es zu und wir entschieden spontan, für dieses kleine Event den Gastgeber zu spielen. Ich hatte etwas Pech, alle meine Freunde turnten anderweitig durch die Gegend oder hatten Ausgehverbot von ihren Frauen auferlegt bekommen. Anders bei meiner Holden: Es rasselte Zusagen, als hätte die Gaunerbande auf nichts anderes gewartet. Mit Schmerzen in der Magengegend übergab ich der Kassiererin in der Fleischerei einen Hunderter, der Gegenwert des guten Stückes sollte in den gefräßigen Mägen landen!
    Der Grill leerte sich, die Zeit verging, doch keiner machte Anstalten, den Ort des Geschehens zu verlassen. Ich durfte mir Sprüche anhören, verbunden mit scheinheilig lächelnder Miene, wie: ‚Wenn man doch schon einmal da war‘ oder ‚Mensch, bei dem Wetter hier grillen‘ sollte übersetzt heißen: „Kuchen gibt’s doch auch noch, oder?“.
    Gott ist manchmal gnädig, es klingelte, gerade als ich los wollte, den nächsten Hunderter der Bäckerin in den mehlig-gierigen Rachen zu werfen. Meiner kurzen Reichweite zur Klinke verdankte ich die Erlaubnis meiner Frau, die Tür selbst öffnen zu dürfen. Ich vermutete einen weiteren Hungerleider, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, am Abend satt und zufrieden gen Home zu schlendern, als mir Daniel entgegengrinste.
    Der sah nicht danach aus, als wollte er an mein Erspartes. In Marken-Laufklamotten gekleidet, tänzelte er auf und ab, um den Puls oben zu halten.
    „Hey, John! Lust auf nen schnellen Spaziergang? Kleine Runde, 10 Kilometer oder so!“
    Ich hatte keine Ahnung, wie weit er schon gelaufen sein mochte, wir wohnten nicht gerade Tür an Tür. Egal, denn das war meine Chance, dem Ganzen hier zu entkommen. Vielleicht würde wer anders das Kuchenbezahlen übernehmen, wenn der Hausherr nicht mehr zugegen war. Ich entschuldigte mich mit meiner bedauernswertester Miene und flunkerte von einem Freund, welchem wir aus der Patsche helfen müssten.
    Als ob ich es geahnt hätte!
    Wir liefen los und wie gewohnt bestimmte Daniel Tempo und Strecke. Ich dachte mir nichts dabei, auch als wir recht gruselige Gebiete durchquerten, die ich sicher nicht als ultimative Laufstrecke ausgesucht hätte. Plötzlich blieb Daniel stehen und meinte, ich solle einen Moment warten. Er verschwand im Gebüsch und ich vermutete, dass ihn ein menschliches Bedürfnis quälte. Doch flugs tauchte er wieder auf – mit einem Monsterrucksack auf dem Rücken! Ich starrte ihn an und zweifelte an der Leistungsfähigkeit meiner Sehwerkzeuge, als er grinsend meinte, dass er nicht alles erzählt hätte.
    „Das glaube ich langsam auch“, meinte ich misstrauisch.
    „Keine Bange, John. Du wirst gleich sehen.“ sagte er und lief weiter. Er hielt 20 Meter weiter an einer Straßenlaterne. Ein Rad stand dort angeschlossen, mit einem 5-EUR-Schloß, sein Rennrad, Traum aller Fahrraddiebe! Ich schaute genauer hin. Das Hinterrad hatte einen Platten! Vielleicht hatte das zumindest die dämlichsten der Langfinger abgehalten.
    „Ja“, meinte Daniel zustimmend. „Die Luft ist irgendwie raus aus dem Ding. Und ich hab es nicht geschafft sie wieder reinzubekommen.“
    „Wie… ‚reinbekommen’“, fragte ich und ahnte, dass ich gleich eine Lehrstunde in Sachen Technik erhalten würde.
    Er griff nach seiner Pumpe, die am Rad festklemmte und pumpte sich die Seele aus dem Leib! Ich schaute mir das Spektakel eine Weile an. Als ich mir sicher war, dass er die Pumpaktion nicht überleben würde wenn ich nicht eingriff, fragte ich ihn, was er da täte.
    Ehe ich weiter erzähle sollte ich vielleicht erläutern, dass unser Daniel einer der größten Sportler der Gegenwart ist… na, zumindest im Freundeskreis. Leider vermag er es nicht, eine Mutter von einer Schraube zu unterscheiden. Manchmal wünschte ich, einer seiner zahllosen stählernen Muskelstränge würde sich in Basiswissen Fahrradreparatur verwandeln. Ich sagte ihm seufzend, dass ich das übernehmen würde, er solle mir nur sein Flickzeug oder Ersatzschlauch geben. Als er mich verständnislos ansah, begriff ich, dass ich zu viel vorausgesetzt hatte.
    „Aber was ist denn alles in diesem verdammten Rucksack drin?“ fragte ich verzweifelt.
    „Klamotten“, antwortete er stolz. „Ich wollte gleich einen Triathlon machen, zum Test, in zwei Wochen starte ich das erste Mal bei so einem Rennen. Hab ich vielleicht schon einmal erwähnt.“
    ‚Nein, hast du nicht, erzähl doch mal.’, wollte ich gehässig antworten, aber ich verkniff es mir.
    „Zuerst bin ich 500 Meter geschwommen, hab mich dann umgezogen und bin aufs Rad, bis der Reifen seinen Geist aufgab. Naja, immerhin hab ich dank dir und dem Maleur meinen Lauf hinter mir. Zehn Kilometer waren das bestimmt bis zu dir und zurück. Fehlt nur noch die komplette Radstrecke und ich hab die olympische Distanz.“
    Er grinste, fügte aber sorgenvoll hinzu:
    „Du kriegst das hin mit der Reparatur, oder?“
    Was soll ich groß erzählen: Ich lief, ohne mich weiter aufzuregen, zum nächsten Radladen und trabte mit einem Ersatzschlauch zum Unglücksort zurück. Das Ding zu wechseln war eine Sache weniger Minuten. Daniel jubelte, schwang seinen Megarucksack auf den Rücken, drückte mir einen Zwanziger nebst „Danke“ in die Hand und raste los, als läge eine Woche Sportpause hinter ihm.
    Ich nahm den nächsten Bus nach Hause. Per Laufschuh würde sich die Gesamtstrecke zu einem Halbmarathon summieren. Nur Daniel hätte daran seine helle Freude gehabt.